Die Geschichte von Sittendorf

(in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt von Pater Dr.Augustinus Kurt Fenz)

                Und was ist mit der Kirche von Sittendorf? Ist tatsächlich der älteste Teil der Kirche der Turm? Geht er auf einen römischen Wachturm zurück? Handelt es sich bei den ersten Ursprüngen um eine Taufkapelle aus der Römerzeit oder wenigstens aus der karolingischen Epoche?

                Die Erstlingsnennung von Sittendorf [Sichendorf, Sickendorf, Sickindorf, Sighendorf, Sigchendorf, Sigkhendorff, Sikkendorf], Gerichtsbezirk Mödling, geschah 1114 in einem Klosterneuburger Codex. Der dort genannte "Rupertus de Sichendorf" ist mit dem gleichnamigen Nachbarzeugen der Heiligenkreuzer Gründungsurkunde - auch Stiftsbrief genannt - von 1136 identisch. Dieser Sichendorfer dürfte Nachfahre eines gleichnamigen babenbergischen Ministerialengeschlechtes sein, das schon im 11. Jh. in Sittendorf ansässig ist, vermutlich Rodungsherren im Gebiete der heutigen Orte Dornbach (Dornpach) - mit der wahrscheinlichen Erstlingsnennung des Ortes 1236 - und Grub linksseitig des Sattelbaches, auf dem sie ihre Meierhöfe zu Lindenhof, Frotzenberg, Traxelhof am Mödlingbach errichteten. Neben ihrem Herrschaftsgebiete - dem heutigen Pfarrgebiet Sittendorf und Dornbach - trugen sie das St. Johanns Kirchlein zu Sittendorf von den Landesfürsten zu Lehen.

 Rudger von Sickendorf tritt also 1114 als Zeuge auf, 1123 mit seinem Bruder Rudpert und einem Ansholm de Sickindorf, bei einer Seelgerätsstiftung ihres Bruders Bobpo, 1125 Rupert und Rudger mit ihrem Bruder Rudolf, 1133-35 bewidmet Rupert die neugegründete Zisterze Heiligenkreuz mit Besitz in Füllenberg und erscheint 1136 mit Rudger unter den Nachbarzeugen im Stiftbrief dieses Klosters. Somit ist Sittendorf in der Gründungsurkunde von Heiligenkreuz 1136 zweimal erwähnt: " ... contra medietatem montis, qui dicitur Keizeruche et abhinc per viam, qua vadit ad silvam attinentem ad villam, quae dicitur Sichendorf, abhinc ad locum, ubi oritur rivulus, qui appellatur Marchbach ... Rudegerus et frater eius Rupertus de Sigchendorf". - Sulz wird nicht genannt, es liegt außerhalb des ursprünglichen Gründungsgebietes. Die Gründung von Stift Heiligenkreuz erfolgte bereits 1133. - Ebenso wird in der Stiftungsurkunde der Dornbach genannt, was die Dornbacher erfreut!

Pater Friedrich Hlawatsch schreibt: "Die Gründungsurkunde gab Markgraf Leopold der Heilige vor dem 3. Juni 1136 hinaus, einige Monate vor seinem Todestag, der auf den 15. November desselben Jahres fiel, obschon eine zweifelnde Kritik das Ausstellungsjahr in ein späteres Jahrzehnt versetzt wissen will, ohne die gleichwohl sichere Tatsache des historischen Inhalts anzutasten - Die Urkunde lautet in deutscher Übersetzung, welche zum ersten Mal vollständig im Drucke erscheint, folgendermaßen:

Stiftungsurkunde

Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreieinigkeit. Allen Christgläubigen, den gegenwärtigen und zukünftigen, mehre sich Friede und Freude für und für! Auf daß die Werke der Fürsten und ihre Schenkungen den ehrwürdigen Stätten fest und unversehrt verbleiben, ist es angezeigt, sie urkundlich zu vermerken, ist es angezeigt, sie mit aller Vorsicht dem Gedächtnis der Nachkommen anzuvertrauen. Deshalb habe Ich L i u p o l d u s, von Gottesgnaden, Markgraf von Österreich in gegenwärtiger Urkunde niederlegen lassen, daß Ich auf Eingebung dessen, von dem alles Gute kommt, und auf Rat Meines lieben Sohnes Otto, der sich zu Morimund dem Zisterzienser-Orden angeschlossen hat, Brüder aus dem genannten Kloster Morimund berufen und ihnen an dem Orte, der bisher Sattelbach hieß, jetzt aber wegen des siegreichsten Zeichens unserer Erlösung zum heiligen Kreuze genannt wird, eine Stätte zur Niederlassung angewiesen habe.

Aus Freude an ihrem Ordensleben und in Vorsorge um ihre Bedürftigkeit habe Ich aus eigener Machtvollkommenheit unter Beistimmung und auf Bitten Unserer Ehegemahlin Agnes und Unserer Söhne Albert, Heinrich, Liupold und Ernest Gott und der seligen immerwährenden Jungfrau, Maria und den Brüdern, die sich im genannten Orte gesammelt haben oder sammeln werden, das ringsumliegende und Unserer Gerechtsame gehörige L a n d geschenkt mit Äckern, Wiesen, Weiden, Gewässern, Wäldern - ob bebaut oder unbebaut - mit den Grenzen, die Wir gegeben haben und die Wir hier zu verzeichnen für dienlich erachten. Es sind aber folgende:

Von dem Zusammenfluß des Sattelbachs und der Swechant bis Murlingen (Mayerling); von da in der Richtung des sogenannten Mühlenweges bis zum Priventan und auf demselben Weg, der durch den Priventan zieht, bis zum Ort, der Husruch (Hausruck) heißt, und von da wieder auf dem genannten; Weg bis zum Sattelbach und von da in gerader Richtung bis zu einer Anhöhe, die gewöhnlich Hoheche (Hocheck) heißt, und von da über ein Bächlein, das Dorinbach (Dornbach) genannt wird, auf die Schneide des Berges, der Keizeruche (Gaisruck) heißt, und von da auf dem Sichendorfer (Sittendorfer) Waldweg und von da bis zu der Stelle, wo ein Bächlein mit Namen Marchbach entspringt, von da auf dem Wege, der zum Draschirchner (Traiskirchner) Wege führt, bis zur Vereinigungsstelle und von da bis zu einer Quelle, die in einem Ort, namens Muchersdorf entspringt, und von da auf einen Berg, dessen Name Ebenberch ist, und von da auf den Weg (Moggergraben), der zum Sattelbach hinabführt, und flußabwärts bis zum Zusammenfluß mit der Swechant.

Wir wünschen, daß diese Unsere Schenkung und desselben Klosters Stiftung nicht nur Unserem Wohlsein und Frieden und Unserer Ruhe, sondern auch dem Heile und Seelenfrieden Unserer in Christo entschlafenen Eltern zum Nutzen gereichen, und hoffen, es werde Unserer Gebrechlichkeit bei der göttlichen Barmherzigkeit einigermaßen zuträglich sein, wenn Wir, da Wir selbst keine Frucht eines guten Werkes tun, wenigstens diejenigen, welche wahrhaft Gott Frucht bringen, von Unserer Habe stützen, wie die Ulme den Weinstock.

Damit jedoch das, was Wir getan haben, umso mehr bekräftigt und verbürgt werde, so sollen der gegenwärtigen Urkunde die Zeugen und Unser Siegel beigefügt werden.

Graf Chunradus de Pilstein (Peilstein), Otto de Lengenbach, Rapoto de Nezta (Nöstach), Sterfrit de Becelinesdorf (Pötzleinsdorf), Otto de Leusdorf (Leesdorf), Ulricus de Gadmen (Gaaden), Ulricus de Sigenvelde, Rudegerus und sein Bruder Rupertus de Sigchendorf (Sittendorf), Anshalmus de Sparwarsbach (Sparbach), Elbergerus de Adelahte (Alland), Hartungus de Ruhenegcke (Rauheneck), Jubort de Tribanswinchele (Tribuswinkel), Ozo und Otfridus de Murlingen, Hartwicus.

So geschehen im Jahre 1136 nach des Herrn Menschwerdung unter Lothars_ Regierung im achten (!) Jahre seines Königreiches, seines Kaisertums im dritten."

Die Präambel dieser Urkunde wendet sich an den dreifaltigen Gott. Welch ein majestätischer Anfang. Daraufhin folgt ein allgemeiner Segenswunsch und die Begründung für die Erstellung dieser Urkunde. Sie ist in sehr persönlichen Worten gehalten. So formuliert ein Heiliger! Auf Eingebung Gottes hin und auf den "Rat" seines Seligen Sohnes Otto, "aus Freude an ihrem Ordensleben und in Vorsorge um ihre Bedürftigkeit", "unter Beistimmung und auf Bitten" seiner Gemahlin Agnes und vier seiner Söhne "Gott und der seligen immerwährenden Jungfrau Maria und den Brüdern, die sich im genannten Orte gesammelt haben oder sammeln werden!" - Weitere Gründe für die Schenkung: das "Wohlsein", der "Friede" und die "Ruhe" des Stifters, "Heil und Seelenfrieden" seiner "in Christo entschlafenen Eltern"!

Noch etwas ist bemerkenswert: Nach der Unterzeichnung der Stiftungsurkunde folgte eine entsprechende Zeremonie_: "Daran schloß sich nun die Investitur des übereigneten Besitzes mit der üblichen Grenzbegehung. Diesen Rechtsakt, der in Gegenwart der im Stiftsbriefe angeführten Nachbarzeugen vollzogen wurde, dürfen wir ... in das Jahr 1135 verlegen." Somit ist der Heilige Leopold durch Sittendorf geritten, zumindest an den Grenzen in etwa Füllenberg - Sittendorf - Dornbach.

Wildegg, im Ortsgebiet von Sittendorf gelegen, Gerichtsbezirk Mödling ist eine der wenigen erhaltenen Ritterburgen des südöstlichen Wienerwaldes, steht auf einem braunroten Kalksteinfelsen, der weiße Einsprenkelungen aufweist, in einem versteckten Seitentale des oberen Mödlingbaches. Man findet auch folgende Angaben: "Die Burg steht auf braunroten Juraschichten (manche meinen, es sei Marmor), die in der Bewegung der Erdkruste nahezu senkrecht aufgerichtet wurden. Jura ist in der Erdgeschichte ein Zeitraum von etwas 30 Millionen Jahren, dessen Ende annähernd 120 Millionen Jahre zurückliegt. Unser Fels bildete sich im Jurameere aus Ablagerungen, in denen es Versteinerungen von Tintenfischarten und verwandten Tiere gibt."

Ersterwähnung von Wildegg

Leopold, der Herzog Österreichs von Gottes Gnaden. Allen Christgläubigen sowohl der gegenwärtigen als auch der zukünftigen Generationen Friede und Freude in alle Ewigkeit. Wer sich für ein religiöses Leben entscheidet und in abgeschiedener Stille Gott dienen will, muß unter den besonderen Fürst der Fürsten gestellt werden, damit niemand zu Unrecht ihre Besitzungen wegnimmt oder durch irgendwelche Störungen die Kraft des Glaubens schwächt. Das ist der Grund, weshalb wir, Leopold, der Herzog von Österreich, in Übereinstimmung mit göttlicher Milde, indem wir dem gegenwärtigen Nutzen der Brüder, die im Kloster Heiligenkreuz Gott dienen, Rechnung tragen und für zukünftige Notwendigkeiten Vorsorge treffen, beschlossen haben, mit dieser unserer Unterschrift sowohl für die jetzige Generation als auch für die späteren Nachkommen bekanntzumachen, daß wir ihr Gut namens Rohreck, daß ihnen zu Unrecht von einem unserer Ministerialen entzogen wurde, frei und unentgeltlich zurückgegeben haben, wobei niemand darauf ein Anrecht hat, dagegen Einspruch zu erheben oder es zu besitzen. Wir verbieten also mit der vorliegenden Erklärung, daß irgendein Mensch an demselben Ort die Möglichkeit hat, eine Feste zu errichten, den Wald zu roden oder in irgendeiner Weise die obengenannten Brüder zu stören, und wir erlassen, daß es überhaupt niemandem erlaubt ist, das oben genannte Gut zu verkaufen, zu verändern oder in irgendeiner anderen Art dem Kloster Heiligenkreuz zu entwenden. Damit das oben genannte Gut auf dem ehrwürdigen Platze für alle Zeiten unveränderlich und unangetastet bleibe, beschreiben wir seine Grenzen, nennen die Zeugen und unterschreiben mit unserem Siegel. Das sind die Grenzen: Über den Anstieg des Weges, der allgemein Rohrwech genannt wird, bis zum Pfad, der aus Wildekk kommt und zum Pfad führt, der aus Lupa_ kommt und über denselben Weg nach Sulz und über den Abhang des Ufer, das Medelich genannt wird bis zum oben genannten Weg, den wir Rohrwech genannt haben. Die Zeugen dafür sind: ... Datiert im Jahre des Herrn 1188, am 31. Mai in Mautern unter dem Kaiser Friedrich,_ Glück und Heil, amen.

Die Erstlingsnennung von Wildegg ist mit Walther de Wildekke vom 18. III. 1187 in einer Babenbergerurkunde für die nahe Zisterze Heiligenkreuz gegeben._ Darüber hinaus ist dieser Walther zweifellos identisch mit jenem Walterus de Sichendorf (Sittendorf) der ca. 1166 bei der Schenkung Siegenfelds an Heiligenkreuz mit seinem Bruder Hartmidus als Zeuge auftritt. Die Wildegger nannten sich demnach vor der Erbauung Wildeggs nach dem nahen Sickendorf. Ob ihr ursprünglicher Sitz in diesem Ort oder auf dem sogenannten Hausberg nordöstlich von Wildegg gestanden hat, ist unbekannt. Walther von Sikkendorf, sein Bruder Rudpert findet sich 1170 und mit Datum 31. III. 1177 im Traditionskodex von Klosterneuburg. Dort ist auch die Generation vor ihnen frühzeitig faßbar. Die Stiftungen des Geschlechts an Klosterneuburg zu Ricendorf bei Himberg und Pfaffstetten lassen auf Besitz in der Wiener Ebene schließen.

Nach Walther von Wildegg ist mit Jänner 1195 in der Pfafferrichtungsurkunde von Sparbach Rutpert, zur familia domini ducis (Herzog Friedrichs I) gehörig faßbar. 1209, 1215, 1232 ist in Babenberger Urkunden als einziger Inhaber der Burg "Chunradus de Wildekke" genannt. Er findet sich auch 1240 in einer Urkunde Wichards von Arnstein für das Kloster Lambach._ 1246 scheint er bereits gestorben zu sein, denn in der Seelgerätsstiftung seiner Tochter Diemud für Zwettl, tritt nur mehr deren Mutter Gertrud handelnd auf. Dieser Chunradus de Wildekke erhielt im Kreuzgang zu Heiligenkreuz seine Grablage; sein Grabstein ist noch erhalten. Mit ihm stirbt die männliche Linie der Sichendorfer-Wildegger aus._

Durch die Doppelheirat seiner Töchter Elisabeth und Gertrud mit den Brüdern Rapoto und Wulfing von Altenburg-Feste zwischen Wilhelmsburg und Lilienfeld - kam Wildegg an die Altenburger, die sich in der Folgezeit nach beiden Sitzen nannten. Nach Hertneid 1340 von Altenburg-Wildegg kam die Feste an Leutold Vensel, dem "alten Forstmeister Österreichs" aus dem Geschlecht der Alachter (Allander), von seinem jung verstorbenen Sohn Leutlin 1362 auf die Verwandten Neuhauser, die Gebrüder Eberhart, Alber, Thoman und Michael. Über Pankraz Neuhauser und dessen Bruder Gilg geht der Besitz an die Töchter des ersteren Walpurg, Giburg und Barbara über. 1455 kommen die Besitzanteile der zwei letzten an Ulrich Eybesbrunner, Kastellan zu Araburg, dem Gemahl der Walpurg und dann in der Folge an deren Sohn Lambrecht Eybesbrunner. 1465 erscheint Andre Greisenecker Wildegg belehnt. 1479 der tschechische Söldnerführer Holubar. Dieser verkaufte am 9. VII. 1486 die Feste Wildegg an Achaz von Neideck. Dadurch kam Wildegg an ein einflußreiches landsässiges Geschlecht, das zwei Jahrhunderte dort saß, die Burg in ein Renaissance-Schloß umgestaltete und einer Blütezeit entgegenführte. Otto von Neideck 1545, Servatius von Neideck und Rastenburg 1568 waren Hofkammerat, Wilhelm von Neideck, Truchseß des Erzherzog Mathias, 1610-1616 Ritterstandesverordneter der niederösterreichischen Landschaft. Ehrenreich Ferdinand von Neideck erlangte 1659 den Freiherrenstand.

Ab Mitte des 16. Jh. gehören die Neidecker zu den eifrigsten Anhängern Luthers. Ab 1579 führte Klara, Wittib nach dem verstorbenen Ulrich von Neideck-Wildegg mit Abt Ulrich Müller von Heiligenkreuz einen erbitterten Kampf um die Kirche in Sittendorf, die bis 1623 im Besitze der Augsburger Konfessionen blieb; immerhin 44 Jahre. Dazu findet sich folgende interessante Notiz: "Vor 1529 sind Veit Steinbeck als Pfarrer und sein Kaplan namens Michael als Seelsorger in Alland bezeugt. Nach Aussage alter Männer des Ortes Alland vom 7. November 1580 sei ‘vor dem Türkenzug (1529) ein Pfarrer in Alland gewesen, der hat Herr Veit Steinbeck geheißen, der hat einen Caplan gehabt. Die haben die auswärtigen Kirchen besungen. Caplan Michael ist im Türkenkrieg auf dem Rehfelde <die Flur gegen Heiligenkreuzer Höhe> erschlagen worden. Als auswärtige Kirchen der Pfarre Alland bezeichnet Jakob Hitz, Pfarrer in Niedersulz, vorher Pfarrer von Alland, am 22. Juli 1579 folgende Gotteshäuser in der Waldmark: Sanct Joannes Babiste zu Sichendorf, Sanct Niclaskhirchen zu Sparbach, Raisenmarkt bei Sanct Jakob, Sanct Gilgen zu Schwarzensee, Sanct Lorenzen zu Meidling_, Sanct Ulrich zu Sigenfeld. Diese Kirchen, die im ausgehenden Mittelalter teils eigene Pfarrer und Pfarrhöfe_ hatten, wurden infolge des Priestermangels, verursacht durch das vom Reiche hereinflutende Luthertum, nunmehr von den Seelsorgern in Alland, der Urpfarre, providiert_, von Weltpriestern, bis schließlich das spärlich mit Mönchen versehene Kloster Heiligenkreuz vom Stifte aus diese Kirchen providieren mußte."_

Der Streit brach im Jahre 1626 mit Maximiliana, Wittib nach verstorbenen Hans Ehrenreich von Neideck abermals los. Abt Christoph Schäfer sagt von ihr, sie habe ihm geschrieben mit "einer spitzen Feder und einem scharfen Züngl"! - Auffällig ist, daß sowohl Klara wie auch Maximiliana Witwen waren und als solche genügend Zeit hatten, einen Streit auszufechten. - Nach Übernahme der Kirche zu Sittendorf durch Heiligenkreuz hielt der evangelische Praedikant seine Predigten in der Schloßkapelle zu Wildegg, das bis zum Übertritt Ferdinand Raimunds von Neideck nach 1650 Sitz des Krypto-Protestantismus blieb. Dieser, schon in schlechtem finanziellem Zustand, erlebte im Juli 1683 die Katastrophe des Türkenkrieges. Die Tataren schlossen die wasserlose Burg ein, versprachen den verschanzten Bauern freien Abzug, bewirteten sie nach der Kapitulation auf dem Schloßanger, metzelten sie aber während des Essens nieder. Ferdinand Raimund außer Stande die vollständig ruinierte, niedergebrannte Herrschaft aufzubauen, verkaufte dieselbe um 26.000 fl an Abt Klemens Scheffer am 1. Feber 1686. Gedrängt wurde dieser dazu von Kaiser Leopold I., der den Wildeggschen Wildbann - eine autochtone Insel im kaiserlichen Wald - für sich haben wollte. Abt Scheffer baute in den folgenden Jahren Burg Wildegg mit den Dörfern Sittendorf, Dornbach wieder auf und besiedelte dieselben. Seit 1686-1776 verwalteten Zisterzienserpatres Burg und Herrschaft. 1836 wurde diese Sitz eines stiftlichen Försters, in der Gegenwart ist die malerische Wienerwaldburg Jugendburg der Erzdiözese Wien.

 

Ein Überblick aus 1834 - mit Ergänzungen

 Amüsant zu lesen ist, was bereits 1834 Malachias Koll über Sittendorf schreibt:

"Sittendorf. Ein Dorf, eine halbe Stunde nördlich von Heiligenkreuz, und eine Stunde westlich von Gaden und Sparbach, in einem angenehmen Thale, welches der Medlingerbach durchfließt. Schon im Jahre 1114 kommt im Klosterneuburger = Saalbuche ein Rudiger, und im Jahre 1117 ein Anshalm von Sickendorf vor. Im Jahre 1124 gaben Rupert und Rudinger von Sickendorf dem Stifte Klosterneuburg einen Unterthan. Im Jahre 1136 erscheinen Rudger und Rupert von Sighendorf als Zeugen im Stiftsbriefe von Heiligenkreuz.

Im Jahre 1157 schenkte Rudger von Sighendorf diesem Stifte für seine Grabesstätte daselbst das Gut Vulchenberg. Im Jahre 1163 machte Walther von Sickendorf mit dem Stifte Klosterneuburg einen Tausch in Hinsicht eines Unterthans, wobei sein Bruder Rupert als Zeuge vorkommt. Dieselben kommen auch noch im Jahre 1171 vor; mit ihnen scheint aber ihr Geschlecht ausgestorben zu seyn, und ihr Besitzthum theils an die benachbarten Herren von Wildeck, theils an das Stift Heiligenkreuz gekommen zu seyn. So viel ist gewiß, daß lange Zeit die Herren von Wildeck den Theil von Sittendorf besassen, der jenseits des Baches näher beim Schloß Wildeck liegt; dießseits des Baches, was in der Nähe der Kirche liegt, nahm das Stift Heiligenkreuz als Pfarrlehen in Besitz, hatte aber deswegen mit den Herren von Wildeck viele Streitigkeiten.

Sittendorf scheint übrigens schon früh eine eigene Pfarre gewesen zu seyn, obschon wir ihren Ursprung, die Zahl und Namen der Pfarren nicht kennen. Gewiß ist es, daß schon im Jahre 1381 hier ein eigener Pfarrer war, welchem Johann, Bischof von Passau, den Auftrag gab, einen Stiftspriester von Heiligenkreuz, Nikolaus von Weitra, in der Pfarre Alland zu installiren._ Als später die Herren von Neudeck als Besitzer von Wildeck, der protestantischen Religion zugethan waren, nahmen sie die Kirche zu Sittendorf für den protestantischen Gottesdienst in Besitz, wählten daselbst ihre Familiengruft, und ließen sogar einen protestantischen Pastor kommen, ungeachtet aller Gegenbemühungen und Vorstellungen der Aebte von Heiligenkreuz. Im Jahre 1651 erhielt durch landesfürstliche Verwendung der Abt Michael II. die Pfarre Sittendorf, sammt den dazu gehörigen Einkünften, die nicht unbeträchtlich waren, indem viele Grundstücke und ein eigenes Grundbuch sammt Zehend dazu gehörten. Von nun an wurde diese Pfarre misionsweise von Heiligenkreuz aus versehen, auch nachdem der Abt Klemens im Jahre 1686 das Gut Wildeck erkauft hatte. Im Jahre 1783 wurde endlich ein eigenes Schulhaus, und ein neuer Pfarrhof erbaut, von welchem so wie von dem angränzenden Berge, die schwarze Lacke genannt, man den schönsten Fernsichten genießen kann. Die Gemeinde Sparbach ist hierher eingeschult. In der Pfarrkirche des heiligen Johann des Täufers ist der Hochaltar nach Aufhebung der Jesuiten von der Ober = Jesuiten zu Wien hierher gekommen, und laut der Authentik im Portatil von Johann Abt zu den Schotten und Bischof zu Germanopolis, Weihbischofe zu Wien, im Jahr 1635 geweihet worden; darin ist Christian Wilhelm Markgraf von Brandenburg und Herzog von Preußen, eigenhändig als Zeuge unterschrieben; auch ist sein eigenes Siegel beigedruckt. Am Seitenaltare ist ein von Blei gegossenes großes Kruzifix merkwürdig, weil dasselbe vom berühmten Donner verfertigt wurde_. Der Leichenhof, der früher rings um die Kirche war, wurde im Jahre 1831 auf eine Anhöhe an der Straße nach Sparbach verlegt, und vom Herrn Stiftsabte, Franz Xaver, eingeweiht. Nach dem Schematismus der Wiener = Erzdiözese vom Jahre 1833 ist die Seelenzahl 405. Die Bewohner, die alle katholischer Religion sind, nähren sich vom Verkauf von Holz, Ackerbau, Viehzucht und Tagelohn.

Zur Pfarre gehören folgende Ortschaften:

1. Sittendorf mit 34 Häusern und 250 Bewohnern, dann einer Kirche, Pfarrhof, Schulhaus, Mühle und herrschaftlichem Gasthause.

2. Durnbach, gewöhnlich Dornbach, ein Dorf in einem freundlichen Thale an dem Durrabache, von welchem schon im Jahre 1002 in einer Schenkungs = Urkunde des Kaiser Heinrich II. an den Markgrafen Heinrich I. Erwähnung geschieht._ Das Dorf entstand später, und gehörte von jeher zur Herrschaft Wildeck. Es liegt eine halbe Stunde westlich von Sittendorf, und hat eine kleine Kapelle des heiligen Leonhard._

3. Rohrberg mit 4 Häusern, einer Mühle, und 25 Bewohnern, zwischen Sittendorf und Sulz. Der Herzog Leopold VI. schenkte im Jahre 1188 diesen Ort unter dem Namen Rohreck dem Stifte Heiligenkreuz, welches ununterbrochen in dessen Besitze verblieb.

4. Neuweg mit 4 Häusern, wovon 2 jenseits des hier entspringenden Sparbaches nach Johannstein, Sparbach, und 2 diesseits nach Wildeck unterthänig sind. Von der Brandwiese in der Nähe dieses Ortes kann man eine der schönsten Fernsichten genießen.

5. Wildeck, ein zwar in gutem bewohnbarem Stande befindliches aber unbewohntes Schloß auf einem isolierten Felsen von rothem Marmor sehr romantisch gelegen, mit der daneben stehenden Wohnung des herrschaftlichen Försters, und einem Meierhofe unten im Thale, mit 12 Bewohnern; eine Viertelstunde nördlich von Sittendorf. Dieses Schloßes geschieht zuerst Erwähnung im Jahre 1188 in der Schenkung von Rohrberg. Im Jahre 1283 kommen Rapoto und Otto von Wildeck als Söhne des Rapoto von Altenburg vor. Im Jahre 1261 in einem Schenkungsbriefe an das Stift Heiligenkreuz liest man einen Rapoto und Wulfing von Wildeck mit ihrer Schwester Gertrud. Im Jahres 1283 schenkte Wulfing von Wildeck dem Stifte Heiligenkreuz ein halbes Talent und 30 Denar jährlicher Einkünfte in Birtzen und Vlachau, für eine Begräb nisstätte im Stifte für sich und seine Gemahlin Gertrud. Konrad von Wildeck schenkte dem Stifte die Stampfmühle und die Schullermühle bei Medling im Jahre 1343; er ist der Vater des Leuthold von Wildeck, und liegt im Kreuzgange zu Heiligenkreuz begraben, unter einem Steine, der die Aufschrift hat: + 14. Calendas May obiit Chunradus de Wildecke. Ein Rapoto von Wildeck schenkte dem Stifte den Wald Gaisruck. Im Jahre 1299 kommt ein Dietrich und 1324 ein Hertneid von Wildeck vor. In eben diesem Jahre schenkte Adelheid von Wildeck dem Stifte ein halbes Talent jährlicher Einkünfte in Maustrenck. Im Jahre 1375 verkaufte Michael von Wildeck an den Abt Kolomann I. Von Heiligenkreuz ein Haus in Traiskirchen. Im Jahre 1390 schenkte Michael von Wildeck dem Stifte Heiligenkreuz 6 Talente und 30 Denar jährlicher Einkünfte zu Traiskirchen. Im Jahre 1393 kommen noch ein Peter und Georg und im Jahre 1431 ein Peter von Wildeck vor; dann scheint dieses Geschlecht erloschen zu seyn. Das Stammschloß Wildeck kam aber schon früher an andere Besitzer; schon im Jahre 1391 kommt Achaz von Neudeck als Besitzer von Wildeck vor. Im Jahre 1426 wurde Johann von Neudeck im Stifte Heiligenkreuz begraben, laut einer noch daselbst im Kreuzgange_ vorhandenen Grabschrift. Dieser war mit seinem Bruder Melchior von Neudeck, welcher Bischof von Trident war, ein großer Gönner und Wohlthäter des Stiftes. Im Jahre 1497 hatte Wilhelm Achamb mit seiner Hausfrau Marusch oder Margareth die Veste Wildeck vom Römischen Könige Maximilian zu Lehen empfangen. Später kamen die Herren von Neudeck wieder zum Besitze von Wildeck. Ruland von Neudeck trat zur protestantischen Religion über; wann aber seine Nachfolger wieder zur katholischen Religion zurückgekehrt seyn, ist unbekannt. In der Familiengruft zu Sittendorf liegen folgende begraben_: 1. Maximilian + 1594. 2. Erich_ + 1602. 3. Johann Adam + 1622. 4. Erich Ferdinand + 1648. 5. Franz Reichard + 1661. 6. Erich Ferdinand + 1663. 7. Karl Achilles + 1664. 8. Maria Salome + 1673. 9. Franz Erich Julius + 1679. 10. Johann Ludwig_ + 1680. Im Jahre 1683 wurde das Schloß von den Türken verbrannt; im Jahre 1686 kaufte dieses Gut Abt Klemens für das Stift Heiligenkreuz, welches dasselbe noch bis jetzt besitzt; gänzlich vereinigt mit der Herrschaft Heiligenkreuz."

Somit ist verständlich, daß in der kleinen Gruft unter dem jetzigen Kircheneingang nur 10 Bestattungen möglich waren. In der älteren Bevölkerung von Sittendorf ist noch der sogenannte Lutheranerkogel bekannt, dessen Name leider bisher noch nicht ins Flurverzeichnis aufgenommen wurde. Er liegt, wenn man Sittendorf in Richtung Sulz verläßt beim letzten Haus rechter Hand hinauf, dort etwa wo das neue Forsthaus des Stiftes Heiligenkreuz erbaut ist. Auf diesem Lutheranerkogel haben die protestantischen Wildegger ihre Toten begraben, und zwar in den Jahren 1623-1650. Das kam folgendermaßen: Die Neudecker wurden protestantisch und versuchten auch den Ort Sittendorf protestantisch zu machen. Besonders heftig wurde der Kampf zwischen der Besitzerin Klara von Neudeck und dem Abt Ullrich II von Heiligenkreuz (1558 - 1584) um das Jahr 1579. Der Streit ging um die Kirche: ist diese Pfarrkirche und daher Eigentum der Grundherrschaft Wildegg oder Filialkirche von Alland? Weder Frau Klara noch Abt Ullrich erlebten das Ende des Streites. Am 17. Dezember 1623 befahl der Kaiser, die Kirchenschlüssel dem Stift Heiligenkreuz auszuliefern. Die Protestanten wurden von nun an nicht mehr auf dem Friedhof um die Kirche, sondern auf dem sogenannten Lutheranerkogel an der Straße nach Wildegg begraben. - Möglicherweise ist das wie folgt geschehen: Einerseits ließen die protestantischen Neudecker die katholische Bevölkerung nicht in die Kirche, anderseits ließ die katholische Bevölkerung die Protestanten nicht auf dem Friedhof, der um die Kirche damals war, begraben. - Im Jahre 1650 kehrten die Neudecker zum katholischen Glauben zurück. Der lutherische Friedhof verfiel allmählich.

In diesem historischen Überblick bei Koll Seite 194 interessiert die Erwähnung: "Im Jahre 1426 wurde Johann von Neudeck im Stifte Heiligenkreuz begraben, laut einer noch daselbst im Kreuzgange vorhandenen Grabschrift. Dieser war mit seinem Bruder Melchior von Neudeck, welcher Bischof von Trident war, ein großer Gönner und Wohlthäter des Stiftes." Damit ist aus unserer Pfarre auch ein Bischof hervorgegangen, der seine Kindheit und frühe Jugend auf Schloß Wildegg verbracht hat. Der Schreiber dieser Zeilen hat bereits die Initiative ergriffen, diese Angaben historisch überprüfen zu lassen.

 

Ein Überblick aus 1933 - mit Ergänzungen

1933 wird unter der Überschrift "Auf den Brandspuren Ibrahims von Milasa" berichtet_: "Was außen an dem Schloß jedem, der es zum erstenmal sieht, auffällt, das sind die Brandspuren über den Fenstern, die von Stunden eines gräßlichen Geschehens reden, das sich begab, als die mordlustigen Horden des Scheichs Ibrahim von Milasa den Wienerwald durchstreiften und auch das damalige Jagdschloß Wildegg brachen ... Die Äbte von Heiligenkreuz, die Wildegg nach der Brandschatzung durch die Tataren wieder aufbauten, taten dies mit notgedrungener Sparsamkeit und ließen es allem Anschein nach Genügen sein, die Rußfahnen über den ausgebrannten Fenstern zu übertünchen, anstatt den Mörtel vorher herunter zu schlagen und frisch anzuwerfen. Die Folge war, daß die Feuerspuren in rosaroter Farbe sich wieder hindurchfraßen und heute ein unheimliches Wahrzeichen bilden, das dem Unkundigen vortäuscht, hier hätte vor nicht allzu langer Frist erst ein Brand gewütet."

Bemerkenswert ist die Notiz: "Solange die geistlichen Verwalter auf dem Schlosse wohnten, wurde in dieser Kapelle täglich eine Messe gelesen." Der Südostturm des Schlosses Wildegg trug eine Glocke, die 1836 die Sittendorfer für ihre Pfarrkirche erhielten, als ihnen eine Glocke im Kirchturm zersprungen war.

Immer wieder wird von unterirdischen Gängen gesprochen: "Donin glaubt nicht an diese unterirdischen Gänge und verweist alles, was darüber erzählt wird, ins Reich der Fabel." - Zur Mär über die spukende "weiße Frau" ist zu lesen: "In dem Turmzimmer, in dem medial veranlagte Personen die weiße Frau gesehen haben wollen, übernachtete einmal im vergangenen Jahrhundert ein großer Österreicher, das war Josef Schöffel, der Retter des Wienerwaldes. Er war von dem damaligen Förster Korab eingeladen worden, der ihm in Aussicht stellte, um Mitternacht werde ihm bestimmt ein Geist erscheinen. Er, Korab, habe diesen Geist schon einige Male leibhaftig geschaut. Doch Schöffel schlief ruhig oder richtiger, er schlief eigentlich nicht. Aber daran trug nicht die Geistererzählung des Försters schuld, sondern dessen steinharte Knödel, die ihm der Biedere am Abend zuvor vorgesetzt hatte. ‘Seine Geister haben mich nicht gestört, aber dafür können einem seine Knödel gründlich den Schlaf verscheuchen,’ begrüßte der starkgeistige Mann am nächsten Tag in der Frühe den abergläubischen Förster."

Zur Baugeschichte von Wildegg wird vermerkt: "Die Steine sind dieselben, aus denen die altehrwürdige Stiftskirche von Heiligenkreuz errichtet ist und rühren auch aus dem gleichen Steinbruch in Siegenfeld her." Ob man dies auch von der Pfarrkirche Sittendorf sagen darf?

"Von der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts an lösen sich verschiedene Namen im Besitz von Wildegg ab. Ihr bedeutendster ist Jan Holubarsch, der berüchtigte und gehaßte tschechische Bandenführer, der während der Bruderfehden im Hause Habsburg unter Kaiser Friedrich III. wiederholt in der fürchterlichsten Weise das Marchfeld heimsuchte. 1475 eroberte er das feste Perchtoldsdorf, dann heiratete er die Tochter des liechtensteinschen Pflegers Liechtenhofer, die anscheinend eine merkwürdige Wandlung mit dem kriegerischen Räuber vollbrachte. Der wilde Holubarsch beschließt seine Tage in Prag als friedlicher Gutsherr, dem übrigens auch die Burg Mödling eine Zeit lang gehörte. Wildegg hatte er noch längere Zeit vor seinem Ableben an einem Achaz von Neudeck verkauft." - Die wunderbare Bezähmung eines heißblütigen Haudegens durch eine raffinierte Frau!

"Die Herrschaft der Neudecker, die an der Schwelle der Neuzeit Wildegg bezog, hatte studierte Vertreter, welche die hohen Schulen von Padua, Siena und Bologna besuchten und aus Italien den neuen Kunstgeist in die rauhe Heimat mitbrachten."

                "Wir kommen in die Zeit der großen Glaubenszerklüftung in deutschen Landen. Die adeligen Landstände schlagen sich auf die Seite der neuen Lehre und beziehen lutherische Prediger aus Deutschland. Nach dem Grundsatz: ‘cuius regio, eius religio’, der im Edikte Kaiser Maximilians II. im Jahre 1571 ausgesprochen wurde, mußte das erbuntertänige Volk den Glaubenswechsel seiner Vögte und der adeligen Junker mitmachen. Auf diese Weise kam es, daß um die Wende des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts achtzig Prozent der Bevölkerung von Niederösterreich Protestanten waren. Die Neudecker dürften schon in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zum Lutherthum übergetreten sein und rechnen in der Folgezeit zu dessen intransigentesten Anhängern. Die unmittelbare Nachbarschaft des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz mußte bei diesem Zustand zwangsläufig zu Reibereien führen, die auch pünktlich eintrafen. Die Waldbauern von Sittendorf und Umgebung, die am Glauben der Väter festhielten, standen in diesem Streit nicht zur Herrschaft, sondern zu ihrem Pfarrer Stindl.

                Am 24. Juni 1579 ereignete sich nun ein folgenschwerer Zwischenfall in der Sittendorfer Kirche. Vernehmen wir darüber das Zeugnis der Schloßherrin, die noch am gleichen Tage an den Abt von Heiligenkreuz Beschwerde führte:

                ‘Ehrwürdiger, der gebier nach lieber Herr Nachbar! Ich geb dem Herrn zu vernehmen, daß desselben Pfarrer zu Allandt sambt des Herrn Conventleiten sy in abwesen mein ungefordert in mein und meiner erben aigenthümliche khirchen zu Sickhendorf einzudringen entstanden. Da man sie nun bespricht, haben sie stetliche Antwort geben, sy hätten gesungen, meine leith sollen pfeifen. Und alß heunt da Ich mit meinen und andern in der khirchen bin, und der Predicant das Te Deum laudamus singt, so khumen sie ungestümb mit gwerten hennden der Pfarrer von Allandt selbst vierter in die khirchen und eilends zu dem Predicanten, Im vom Altar wegzugehen angefaren, und einen mit einer Putten, was er darin tragen ist mir ungewiß, haissen hinzukhummen, und ein junger Munch hat von dem Altar, davor der Predicant gestanden, das Altartuech und Puecher wollen weckh thain ... etz. etz.’

                Die resolute Schloßfrau, Klara hieß sie, hatte vergessen, daß Pfarrer Stindl im Recht war. Der Predicant sang gewiß nicht das Te Deum, das die evangelische Liturgie doch nicht kennt, sondern einen deutschen Psalm. Und dann hätte der Sittendorfer Pfarrer mit seinen drei ihn begleitenden Bauern gegen das dreißig Mann starke Gefolge der Klara von Neudeck mit Gewalt schwerlich etwas ausgerichtet, worauf er auch hinweist. Der Zwischenfall trug den Charakter einer Demonstration gegen die von der Schloßfrau vollzogene Enteignung seiner Kirche und der Pfarrer verfolgte mit ihr augenscheinlich den Zweck, dem Predicanten vor er Öffentlichkeit seine Meinung zu sagen, was er auch mit den lakonischen Worten tat: ‘Wer hat euch hergebracht, seid ihr Pfarrer da oder ich?’

                Der nun anhebende unfreundliche Briefwechsel zwischen der ‘Hartnäckigen Weibsperson’, wie Abt Ulrich II. Klara von Neudeck nennt, und dem Stift dauert über ein Menschenalter. Erst 1623 endigte dieser glücklicherweise nicht blutig, sondern auf dem Papier geführte Religionskrieg damit, daß über kaiserlichen Befehl die Kirchenschlüssel dem Stifte Heiligenkreuz ausgefolgt werden mußten. Eine andere streitbare Wildeggerin, Freifrau Maximiliana, grub die Kriegsaxt ihrer Ahnherrin wieder aus, das war 1626. Die damals in den österreichischen Erblanden bereits mächtig erstarkte Gegenreformation gab indes dem Abt Ulrich von Heiligenkreuz recht und der Zwist fand seine endgültige Liquidierung damit, daß dem Stift alle Rechte über die Kirche und die Untertanen von Sittendorf zugesprochen wurden.

                Die ersten katholischen Neudecker sind noch in Heiligenkreuz begraben. Ihre evangelischen Nachfahren bauten sich ein Gruftgewölbe unter der Sittendorfer Kirche. 1733 wurde dieses Gruft zum erstenmal geöffnet. Die Eintretenden fanden fünf aufrecht sitzende, männliche Skelette in vermoderten spanischen Mantelkleidern, zu ihren Füßen hölzerne und metallene Särge und an der Wand die Namen von zwölf Neudeckern.

                Über die neuerliche Eröffnung der Gruft haben wir einen interessanten Bericht im Monatsblatt des Altertumsvereins in Wien Nr. 12 vom Jahre 1893 aus der Feder des etwa vor einem Jahrzehnt verstorbenen hochgelehrten heimatlichen Geschichtsforschers Dr. P. Wilhelm Anton Neumann. Er schreibt:

                ‘Bei der 1892 erfolgten Bausicherstellung und Reinigung der Pfarrkirche zu Sittendorf wurde auch die Gruft der Neudecker vom Schutt geleert. Sie befand sich unter der ehemaligen Apside, durch die der jetzige Eingang in die Kirche führt. (Der Hochaltar lag demnach früher auf dieser Seite. Anm. d. Verf.). Eine kleine Stiege führt in einen nicht großen Raum, der ... die Grundrißform eines T hat; der rechte Arm des T scheint durch eine Quermauer abgekürzt worden zu sein. Die Gruft dürfte durch die Türken geplündert worden sein, daher die wirr durcheinanderliegenden Gebeine und der Schutt. Ein Mannsskelett ist gut erhalten und noch sind Teile der Gewandung vorhanden. Keineswegs hatten in dem nur wenige Schritte langen und breiten Raum viele Särge Platz ... Die Gruft der Sittendorfer Kirche dürfte ... schon im sechzehnten Jahrhundert für die Familie Neudeck auf Wildegg errichtet worden sein_. Denn in der Verkaufsverabredung zwischen Ferdinand Raymund von Neudeck und Abt Klemens Schäffer (Januar 1686) heißt es: Weil die Herren von Neudegg die Gruft in der Kapelle zu Sittendorf langhero zu ihrer Begräbniß meistenteils gebraucht haben, so gestattet der Abt, daß auch hinfüro die Verstorbenen dieses Hauses in selber nach ihrem Belieben mögen gelegt werden.

                Da man den Eingang von dem Kirchenpflaster aus nicht wußte, stieg man bei einer kleinen Öffnung hinab, welche neben der Apside auf der Nordseite sich befindet. (Beim Stützpfeiler des Turmes, wo die Gemeindeanschlagtafel_ hängt, rückwärts um die Ecke. Das Loch ist heute mit Brettern verschlagen_. Anm. d. Verf.). Die Mauer der Kirche ist dort einen Meter dick. Erst unten fand man jene Stiege, die in die Kirche hinaufführte. Bei der Wegschaffung des Schuttes fand man fünf kupferne Tafeln, welche ehemals auf den Särgen befestigt waren. Nach Malachias Koll hätte man zehn Tafeln zu finden geglaubt. Leider hatte niemand darauf acht, wie die Leichen lagen, wie viele ihrer waren, wo die Tafeln sich befanden, vielleicht auch hatten wirklich die Räuber, wer immer es gewesen sein mag, die Gruft in völliger Zerstörung zurückgelassen, so daß man in neuerer Zeit eben alles unter Schutt begraben fand ...’

                Neumann beschreibt hierauf eingehend jede einzelne Tafel. Vier sind bemalt, eine ist graviert. Die anscheinend älteste Tafel weist unmittelbar auf dem Kupfer einen weißen Grund, auf dem gemalt und geschrieben wurde. Dann folgen drei Tafeln, bei denen das Kupferblech zuerst vergoldet wurde, ehe es die Malerei erhielt. Diese drei Tafeln haben durch den Grünspan sehr gelitten und ihre Bildfläche ist zerstört. Nur hie und da ist ein Buchstabe zu sehen. Die Texte beziehen sich, soweit sie überhaupt entzifferbar waren, auf Namen und Sterbedaten, die Bilder sind Wappendarstellungen. Die fünf Grufttafeln werden, heut auf dem Bodenraum des Pfarrhofes von Sittendorf verwahrt.

                Der viereckige Fleck, den man auf meinem Bild von der Sittendorfer Pfarrkirche rechts von der Eingangstür sieht, ist die Grabtafel der Regina Gattinger, Beschließerin auf Schloß Wildegg, gest. 1702. Unter der Schrift ist in primitiver Arbeit die Darstellung eines Totenkopfes mit zwei gekreuzten Knochen eingeritzt._ Die Sittendorfer Kirche wird 1381 erstmalig erwähnt. Die Glockenstube im Turm ist nur mittels einer Leiter erreichbar. Die beiden Glocken sind 1743 und 1744 gegossen, von ihnen war die eine, wie schon erwähnt, früher auf Schloß Wildegg.

                Inwendig ist das Kirchlein, das dem hl. Johann dem Täufer geweiht ist, neu und recht schmuck eingerichtet. Auch aus den Rundbogenfenstern erkennt man seinen romanischen Ursprung. Der niedere Turm mit dem "oeuil de boeuf" über dem Eingang verrät dagegen die Barocke als seine Entstehungszeit.

                Die Neudecker hatten hohe öffentliche Ämter inne, sie waren Ritterstandsverordnete und Landrechtsbeisitzer, einige von ihnen sogar Hofkammerräte. 1650 nahm der letzte derer von Neudeck von der Wildegger Linie namens Ferdinand Raymund wieder die katholische Religion an. Er starb, wie schon erwähnt, unvermählt. Seinen Grabstein besitzt heute das Niederösterreichische Landesmuseum. Materielle Not zwang den letzten Sproß des einstmals so stolzen und reichen Geschlechtes zum Verkauf der zu guterletzt noch durch die Türken zerstörten Feste an die Heiligenkreuzer.

                Sämtliche Bauern der umliegenden Ortschaften samt den in der Einschicht des Waldes hausenden Duckhüttlern hatten sich vor dem Türkensturm in das Bergschloß geflüchtet, nicht bedenkend, daß Wildegg, ein Jagdschloß war und keine Festung. Aber abgesehen davon kam es nicht einmal zu einer Erstürmung des Schlosses, das von Menschen überfüllt war und innerhalb kürzester Zeit wegen Wassermangel kapitulierte. Die Unterhandlungen führten zur Übergabe gegen freien Abzug. Die tatarischen Renner und Brenner waren es nicht gewohnt, Verträge zu achten, sie metzelten die Besatzung samt den Flüchtlingen unterschiedslos nieder und zwar stellte das der heimtückisch grausame Pascha so an, daß er die ausgehungerten Belagerten zuerst zu einer Tafel einlud und ihnen dann, während sie beim Essen saßen, von Janitscharen_ die Köpfe abhauen ließ. Das Schloß ward in Brand gesteckt. Dies der geschichtliche Hergang des letzten großen dramatischen Ereignisses, das Wildegg erlebte.

                Ferdinand Raymund von Neudeck, der bei diesem Greuel zu seinem Glück nicht anwesend war, mußte noch froh sein, daß er einen Käufer für die Brandstatt fand. Die eigentlichen Interessenten dieses Kaufes waren allerdings nicht die Heiligenkreuzer, sondern die - Habsburger, die schon lange auf die ergiebige Jagd im Wildegger Revier erpicht waren und das Stift für den Ankauf der Herrschaft vorschoben. Bei den langwierigen Verhandlungen wurden seitens des Stiftes auch auswärtige Konventsmitglieder zu Rate gezogen, so z. B. P. Bernardus Piller in Nieder=Leis. Am 16. Dezember 1685 war eine Prunkurkunde ausgestellt worden, der "Konsens = Inkorporationsbrief", worin Kaiser Leopold I. dem Abt die Kaufbewilligung erteilt und dagegen vom Stift das Recht des hohen Wildbanns erhält. Zum Schloß gehörten damals 37 Häuser. Der Wert der ganzen Herrschaft wurde auf 58.244 fl. Geschätzt. Am Tage der Übergabe, die am 6. Februar 1686 erfolgte, setzte der Abt Klemens Schäffer den P. Rainard Ruetz als ersten geistlichen Sachwalter nach Wildegg."

1683 verbrennt das ganze Schloß, ebenso die Pfarrkirche wie das Stift: was nicht gewölbt war, oder wo das Gewölbe nicht hielt, wurde ein Raub der Flammen. Mit 8. Februar 1686 beginnt Abt Klemens Schäffer mit den Wiederaufbauarbeiten des Schlosses, scheint das wichtigste 1687 fertig gebracht zu haben, denn 1888 wird nicht am Schloß repariert. 1690 werden einige Zimmer im unteren Stock ausgeputzt. 1689 wird der zweite Stock als Prälatur eingerichtet.

 

Geistliche Berufe aus Sittendorf

                Neben den bereits erwähnten Melchior von Neudeck, der Bischof von Trident war - sein Bruder Johann von Neudeck wurde 1426 im Stift Heiligenkreuz begraben, ist - soweit bekannt - nur ein Priester aus der Pfarre hervorgegangen: "Engelbert Schwan, am 25. März 1764 zu Sittendorf in Niederösterreich geboren, legte am 25. März 1778 die Profess ab und feierte am l5. Nov. 1778 die Primiz. Er war 1780 bis 1781 Cooperator in Alland, wirkte hierauf 1783-1796 als erster Pfarrverweser in Sulz, Mai 1796 bis März 1798 in gleicher Eigenschaft zu Winden und März 1798 bis März 1799 in Alland, worauf er als Prior und Pfarrverweser ins Stift zurückberufen wurde, welche Ämter er März 1799 bis 1812 bekleidete. 1799 bis 1805, war er zugleich Novizenmeister und 1805-1806 nach dem Tode des Abtes Marian II. Administrator des Stiftes. 1812 bis zu seinem Tode verwaltete er das Gut Trumau und starb daselbst als Profess- und Priesterjubilar am 24. August 1830. ‘Vir religiosus ac disciplinae zelator’ (Doczy)."_

                Seine Taufeintragung im ältesten Taufbuch der Pfarre, das 1729 beginnt steht auf Seite 41 unter "Anno 1754 - Martius": 25 ta a me P. Mathia baptizatus est Joannes Georgius filius legitimus Joannis Georgij Schwanii inquilini in Sittendorff, et Clarae uxoris ejus. Patrinus: Joannes Schwäger Inquilinus in Wildegg." Zu deutsch: "Am 25. ist von mir, dem P. Mathias, Johann Georg rechtmäßiger (legitimer) Sohn des Johann Georg Schwan, Einwohner in Sittendorf, und seiner Frau Klara getauft worden. Pate: Johann Schwäger, Einwohner in Wildegg."

                Er wurde von seinen Mitbrüdern bemerkenswert geehrt: "Zur Feier der fünfzigjährigen Priesterwürde des Hoch- und Wohlehrwürdigen Herrn P. Engelbert Schwan, Kapitularen der Cist.-Stifte Heiligenkreuz und St. Gotthardt, emer. Prior und d. Z. Administrator der Stiftsherrschaft Trumau. Im Stifte Heiligenkreuz am 15. November 1828. Im Namen aller Stiftskapitularen demselben ehrfurchtsvoll gewidmet von P. Malachias Koll, d. Z. Stiftskämmerer. Eine Cantate in Musik gesetzt von Franz Xav. Fischer, Waisenverwalter. Wien, gedr. im Steyrerhof Nr. 727."_

 

Ergänzung aus der Pfarrchronik ab 1729

 Die Pfarrchronik beginnt mit der Handschrift von P. Leopold Gindl im Jahr 1835, also in seiner ersten Amtszeit 1831-1839. Das Aussterben der Wildegger führt er "auf Veranlassung der Kreuzzüge" zurück und meint, daß "ihr Besitztum teils an die benachbarten Herren von Wildegg, teils an das Stift Heiligenkreuz gekommen zu sein. So viel ist gewiß, daß lange Zeit die Herren von Wildegg den Teil von Sittendorf besaßen, der jenseits des Baches näher beim Schloß Wildegg liegt; diesseits des Baches, was in der Nähe der Kirche liegt, nahm das Stift Heiligenkreuz als Pfarrlehen in Besitz, hatte aber deswegen mit den Herren von Wildegg viele Streitigkeiten."_ - "Was später die Herren von Neudegg, als Besitzer von Wildegg, der protestantischen Religion zugetan waren, nahmen sie die Kirche zu Sittendorf für den protestantischen Gottesdienst in Besitz, wählten daselbst ihre Familiengruft (1594) und ließen sogar einen protestantischen Pastor kommen, ungeachtet aller Gegenbemühungen und Vorstellungen der Äbte von Heiligenkreuz. Diese Familiengruft befindet sich in einem kleinen viereckigen Gewölbe unter der Kirche ... Der Eingang war von der Kirche aus in dieselbe, wurde aber unter dem Pfarrer P. Xaver Karner (1791-1797), nachdem derselbe ein paarmal neugierig war, gänzlich kassiert und zugemauert, wie er jetzt noch ist. P. Paulus Ulsess, der im Jahr 1733, Subprior im Stifte Heiligenkreuz, und zugleich (exkurrierender) Seelsorger allhier war_, ließ diese Gruft eröffnen, und man fand (nach dem Zeugnisse des P. Ambros Seywitz, in Mausoleo seu Cryptario S. Crucis) an der Wand auf hölzernen Sitzen, in aufrechter Stellung die Körper von 5 Männern in einem schwarzen spanischen Mantelkleide. (Einer soll auch einen Windspielhund_ bei sich gehabt haben.) Die Körper waren aber Skelette, und die Kleidung vermorscht. - Man fand nebsbei mehrere Särge von verschiedener Größe, teils von Kupfer und Erz, teils von Holz."

                "Im Jahre 1833, (als die Kirche inwendig und auswendig verputzt wurde) stieg man durch eine kleiner Öffnung, welche von außen in die Gruft hinabsehen machte ( und die man erweiterte) hinab; es fand sich aber nichts mehr als ein einzelner Totenschädel, ein Rumpf, kleineres Gebein, Holzstücke, Mauerschutt - Trümmer, kurz gar nichts bedeutendes mehr; es muß also im Verlaufe von gerade 100 Jahren, dieses alles abhanden gekommen sein. Die äußere Öffnung wurde wieder zugemauert, es lohnt daher die Mühe nicht mehr hinabzuschliefen."

                "Im Jahre 1651 erhielt Abt Michael II. die Pfarre Sittendorf wieder für das Stift durch einen Vertrag und durch landesfürstliche Verwendung, deren Einkünfte (die nicht unbeträchtlich waren, indem viele Grundstücke und ein eigenes Grundbuch samt Zehent dazu gehörten_) die protestantischen Herren von Neudeck, als Besitzer der Herrschaft Wildegg, für sich eingezogen hatten. Von jener Zeit an blieb das Stift immer Besitzer dieser Pfarre und versah dieselbe missionsweise_ von Heiligenkreuz aus. Nachdem das Stift Heiligenkreuz im Jahre 1686 das Schloß und die Herrschaft Wildeck mit Sittendorf angekauft hatte, wurde die Pfarre von einem Stiftsgeistlichen von Heiligenkreuz versehen, der im Kloster wohnte und zur Ausübung des Gottesdienstes und der Seelsorge jedesmal hierher ging (nach Umständen auch in der Sakristei übernachtete, weswegen bis heutigen Tages [1835] noch ein Ofen zum Heizen angebracht ist für die Wintermonate; auch bezieht der jeweilige Pfarrer von Sittendorf noch von dieser Zeit an zwei Klafter Sakristei - Holz, wenn dieselbe gleich nicht mehr geheizt werden darf). In der Handschrift "Corona officialium S. Crucis" werden vom Jahr 1712 bis 1730 sechs eigene Seelsorger von Sittendorf aufgezählt; dann wurde dieses Amt dem jeweiligen Subprior des Stiftes übertragen, bis im Jahr 1783-1784 auf landesfürstliche Anordnung zur beständigen Wohnung des Seelsorgers allhier ein Pfarrhof erbaut wurde. Dieser steht neben der Kirche auf einer kleinen Anhöhe, von welcher man eine schöne Aussicht der ‘Örter’ Gaaden und Sparbach und dieses ganzen Tales genießt. Auch der anliegende Ber (Buch) zur schwarzen Lacke genannt, gewährt eine der schönsten Aussichten über die Gebirge und das flache Land. Das Schulhaus, unweit der Kirche, wurde gleichfalls mit dem Pfarrhof zugleich neu erbaut; der Ort Sparbach ist seit einige Jahren (1835) hierher eingeschult, teils wegen näheren und besseren Weg für die Kinder als nach Gaaden, vorzüglich aber zur besseren Dotation des hiesigen Schullehrers."

                Daraus geht hervor, daß vor 1784 kein Pfarrhaus <kein eigenes Haus für den Pfarrer> in Sittendorf zu Verfügung stand. - Hermann Watzl schreibt bereits in unsrem Pfarrblatt: "Die Wildegger nannten sich demnach vor der Erbauung Wildeggs nach dem nahen Sickendorf. Ob ihr ursprünglicher Sitz in diesem Orte oder auf dem sogenannten Hausberge nordöstlich von Wildeg gestanden hat, ist unbekannt." - Man könnte nun annehmen, wenn Rudger von Sickendorf, der berühmte Zeuge von 1114 in Sittendorf gewohnt hat, dann wahrscheinlich neben der Kirche, das wäre heute das Haus Nr. 19 mit alten Gewölben im Erdgeschoß. - Dieses Haus - natürlich nicht so wie es heute aussieht - war möglicherweise, nachdem die Wildegger längst schon ihre Burg hatten, auch der Pfarrhof_ für die Pfarrer in der Zeit vor den sogenannten Vicaren (1711-1783) und schließlich die erste Schule, bevor die im Jahr 1783 begonnene fertig war. Es stand in der alten Schulchronik zu lesen, daß einige Zeit hindurch in diesem Haus Nr. 19 die Schulkinder unterrichtet wurden._ Die Vicare aus Heiligenkreuz übernachteten ja gelegentlich in der Sakristei, also stand das Haus Nr. 19 ihnen nicht zu Verfügung, weil es möglicherweise bereits Schule und Lehrerwohnung war.

                "Die Kirche zum heiligen Johann dem Täufer hat keine Stiftungen, besondere Einkünfte oder Kapitalien und außer der kleinen Familiengruft der Herrschaft von Neudeck (Wildeck) ebenso wie der anliegende alte Leichenhof keine merkwürdigen Grabmäler. Vom Hochaltar dieser Pfarrkirche so wie vom Seitenaltar wird noch später die Rede sein. Das Portatile <Ergänzung aus späterer Hand: cum reliquiis: S. Sebastiani et S. Victoriae V. et M. S. Justi M.> wurde laut Inschrift vom Johann (Waldenfinger) Abt zu dem Benediktiner - Stifte Schotten und Bischof zu Germanopolis (Germanicensis) Weihbischof zu Wien im Jahr 1635 (19. Mai) geweiht. Als Zeuge ist darin Christian Wilhelm, Markgraf von Brandenburg und Herzog von Preußen eigenhändig unterschrieben und besiegelt. Der Pfarrer wird vom Stifte Heiligenkreuz, dessen Glied er ist, besoldet; dasselbe Stift hat auch das Patronatsrecht dieser Pfarre. Bei der neuen Pfarreinteilung im Jahre 1782 wurde der Lindenhof mit 40 Seelen von Sittendorf ‘ausgebrochen’ und nach Sulz ‘eingepfaret’; dagegen erhielt Sittendorf von der Pfarre Heiligenkreuz 24 Seelen in Dornbach (Im geistlichen Schematismus des Jahres 1837 wird die Seelenzahl 413 und die größte Entfernung ¾ Stunde angegeben. Filialen: Dornbach, Rohrberg, Wildegg mit Neuweg.). Die hierher ‘eingepfareten’ Ortschaften sind folgende:

1.) Sittendorf, mit 239 Seelen und 37 Häusern in loco (in allem sind 45 Nummern), einer Kirche, Pfarrhof, Schulhaus, Mühle und Herrschaft - Gasthaus.

2.) Dürenbach, gewöhnlich Dornbach, am Bache gleichen Namens, welcher bei Heiligenkreuz in den Sattelbach fällt und in der vom Kaiser Heinrich II. dem Markgrafen Heinrich I im Jahre 1002 gemachten Schenkung als Grenze derselben angegeben wird."_ - Es tut mir leid, den Dornbachern erneut sagen zu müssen, daß diese Angabe schlichtweg ein Irrtum ist. Ich hätte ihnen gegönnt, daß sie sämtliche Pfarren des Dekanates und damit viele Österreichs übertreffen! Aber irgendwie haben das ja auch die Patres Koll und Gindl erfaßt, denn Gindl schreibt in der Pfarrchronik weiter über Dornbach: "Das Dorf entstand später und gehörte von jeher zur Herrschaft Wildegg. Dieses Dorf liegt in einem Tale zwischen dem Berge Hocheck und Gaisruck, eine halbe Stunde südlich von Sulz und eine halbe Stunde westlich von Sittendorf. Dieses Dorf kam durch den Ankauf der Herrschaft Wildegg an das Stift Heiligenkreuz. Im Jahr 1783 waren hier 19 Häuser mit 119 Seelen. Es war hier früher eine kleine hölzerne (jetzt aber 1897 seit einige Jahren von Steinen gebaute) Kapelle, in welcher die heilige Anna als Haupt oder vorzügliches Bild erscheinet, mit einer Glocke zum Gebetläuten.

3.) Rohrberg zwischen Sittendorf und Sulz mit 4 Häusern und einer Mühle unf 41 Seelen auf einem Berge; mit der Gemeinde gehört es nach Sulz, so wie auch die Schulkinder dahin zur Schule gehen, auch die ‘Numeratur’ der Häuser gehört zu dem Dorf Sulz. Der Herzog Leopold VI schenkte im Jahr 1188 diesen Ort unter dem Namen Rohreck dem Stift Heiligenkreuz, welches ununterbrochen in diesem Besitz verblieb._ In der Urkunde wird der Umfang des dazu gehörigen Gebites genau beschrieben. Die Entfernung des weitesten Hauses von der Pfarre ist eine gute halbe Stunde.

4.) Neuweg (oder eigentlich: Sittendorf zu Neuweg) welches zu Sittendorf nummeriert ist (nämlich die Häuser von No 3-6) mit 4 Häusern, wovon 2 nach Heiligenkreuz, zwei übern Bach zur Herrschaft Purkersdorf gehören, 3 Viertel Stunden von Sittendorf entfernt, eine Viertelstunde nördlich hinter Wildegg, in einem sehr engen Tal, welches den Häusern kaum hinreichenden Raum gewährt. Daselbst entspringt der kleine Sparbach (Sparbbersbach oder Sperbach), von welchem der Ort Sparbach den Namen hat. Auf der oberhalb dieses Ortes befindlichen (sogenannten) Brandwiese ist der Standpunkt einer der herrlichsten Aussichten über das Gebirge, auch kann man Wien sehen.

5.) Wildegg mit beiläufig 17-18 Seelen in 3 Nummern (nämlich Schloß No 1, Mayerhof No 2, einstiges Wirtschaftshäusel No 3), eine starke viertel Stunde nördlich von Sittendorf; das Schloß ist zwei Stockwerk hoch und hatte vormals eine kleine Kapelle zum Messelesen des dortigen geistlichen Pater Verwalters von der Zeit an, als das Stift Heiligenkreuz dasselbe erkaufte. Es gewährt mit seiner romantischen Lage auf einem Felsen von rotem Marmor einen überragenden Anblick und zugleich eine weitgehende Aussicht über die Gebirge und durch das Tal gegen Baden bis an die ungarischen Grenzungsgebirge (Rosaliakapelle). Das Gebäude ist soweit im guten Zustande, im unteren Geschoß wurde im Jahr 1836 eine Wohnung für den Stiftsförster zugerichtet und die vormalige neben dem Schloß gestandene Försterwohnung weggerissen. - Unterhalb des Schlosses liegt der herrschaftliche Mayerhof .- Im Jahr 1683 wurde das Schloß von den Türken verbrannt und im Jahr 1686 dem 6. Februar hat Abt Clemens Schäffer die Herrschaft Wildegg für das Stift Heiligenkreuz erkauft, um 26000 fl von dem Wohlgeborenen Herrn Ferdinand Raimund Baron von Neudeck auf Wildegg, welches dasselbe noch besitzt, gänzlich vereinigt mit der Herrschaft Heiligenkreuz.

Zur Pfarre Sittendorf gehört keine Filialkirche. Der Leichenhof der früher rings um die Kirche war, wurde im Jahr 1832 auf eine Anhöhe auf der Straße nach Sparbach verlegt und den 5. Juni 1832 von Seiner Hochwürden und Gnaden H. H. Abt des Stiftes Heiligenkreuz Franz Xaver Seidemann feierlich eingeweiht; den Anfang machte ein Requiem von hochdemselben gehalten für alle Verstorbenen, welche im alten Friedhof um die Kirche begraben liegen und zugleich für die eben verstorbene (3. Juni 1832) Magdalena Weißenböck, Witwe und Ausnehmerin in Sittendorf No 34, 79 Jahre alt, - darauf ein Libera_ und Einsegnung der Leiche, nach dieser ging die Pfarrgemeinde in Prozession mit Nachtragung der Leiche in den zu weihenden Leichenhof, nach vollendeter Weihe (bei welcher in allem 11 Geistliche waren) ging die Gemeinde wieder in Prozession in die Kirche zurück und die Leiche wurde sodann beerdigt.

Anschließend werden Namen jener 6 Personen genannt, die im Jahr 1832 an der asiatischen Cholera starben: Peter Grünböck, Franziska Hofmauer, Anna M. Fokerthaler, Rosalia Schlosser, Joseph Fokerthaler, Jakob Zwirner. - Darauf folgt die Reihe der "stabilen Seelsorger in Sittendorf", die - wie wir bereits wissen - mit P. Petrus Kainz beginnt, den allerdings unser Pfarrchronist P. Leopold Gindl zwei Tage länger leben und erst am 19. Mai 1791 in Münchendorf sterben läßt. Immerhin berichtet unsere Chronik von P. Petrus Kainz - so die Sittendorfer Schreibweise - über das Jahr 1783: "Er wohnte, weil der Pfarrhof noch nicht ausgebaut war (was erst 1784 geschah) anfangs in der Mühle zu Sittendorf No 13. Weil ihm aber manches da nicht behagte, zog er in das Haus No 34."_ - Daraufhin folgt die Baurechnung des gesamten Pfarrhofes, der ich - und wahrscheinlich jeder nicht fachkundige Historiker - hilflos gegenüberstehen. Bedauernswert ist, daß der Allander Baumeister Philipp Schlucker hier nicht genannt wird, der - wie mir persönlich P. Hermann Watzl versicherte - den Sittendorfer Pfarrhof gebaut hat. Möglicherweise sind im - zur Zeit schwer zugänglichen Stiftsarchiv Heiligenkreuz - noch entsprechende Belege dafür vorhanden. Es wird gesagt, Baumeister Schlucker hätte noch mit seiner Verse den Grundriß eines Hauses gezogen, seine Arbeiter haben einen überaus ausgeprägten Sinn für Proportionen gehabt. Der erste Teil dieser Aussage wird nicht stimmen, der zweite ist weithin sichtbar.

Meine Aufmerksamkeit erregt das nun angesprochene Wasserproblem, das uns ja auch heute immer wieder beschäftigt. Da heißt es nämlich: " ...item <ebenso> ist ein gegrabener Pumpbrunnen (ausgemauert) auch in dieser Rechnung begriffen, welcher bei 12 Kl. Tiefe haben soll, gegenwärtig (1837) und zwar schon mehrere Jahre ist er zugedeckt und ungebraucht, weil das Wasser keinen guten Geschmack haben soll. - Der spärliche Rohrbrunnen, welcher gleich neben dem alten ursprünglichen pfarrlichen Brunnen angebracht ist, hat seine Quelle gleich außer dem Pfarrhofgarten und seine ausgezimmerte Brunnenstube. Diese Brunnenstube liegt zwar auf einer Wiese, welche zum Haus No 15 in Sittendorf gehört, man verglich sich aber mit den damaligen Besitzer Ulrich Singer, Wagnermeister, dadurch, daß man ihn mit Wiesen der Ortsherrschaft etwas seiner Wiese vergrößerte (gegen des Schöberl Garten zu), damit er durch dieses Brunnenstube keinen Schaden leiden möchte." Hochwürden P. Leopold Gindl schreibt: "weil das Wasser keinen guten Geschmack haben soll." - Natürlich fällt mir hier "soll" auf; wahrscheinlich hat P. Leopold sicherheitshalber dieses Wasser nie gekostet und einen "entsprechenden Tropfen" als Ersatz in Reserve gehabt. Ich will ihm aber nichts andichten!

1802 kauft P. Petrus Krause den bereits erwähnten Altar der Ignatiuskapelle der Wiener Jesuiten; es mußte allerdings einige neue dazu erstellt werden: das Altarbild, welches den heiligen Johannes den Täufer darstellt und längst nicht mehr in unserer Kirche ist. Es werden aber in diesem Zusammenhang zwei vergoldete Engel erwähnt, die heute nach wie vor das Allerheiligste behüten. Ein gewisser Sebastian Millner, Bauer zu Sittendorf No 29 hat nahezu soviel gespendet wie der damalige Abt Marian Reuter, die Gemeinde Sittendorf und Dornbach zusammen. Den Rest hat der hiesige Pfarrer P. Petrus Krause dazu gelegt. Für unsere Pfarre nichts Neues! - 1803 wurden neue Kirchenstühle angeschafft. 1805 wurde der Kirche ein Kruzifix aus Erz, für den Seitenaltar geschenkt, von dem heute hier nichts mehr zu sehen ist, es soll von Raphael Donner sein.

1824 wurde die Kirche "ausgeweißiget" und der Seitenaltar renoviert. - 1833 wurde der Kirchenturm, das Kirchendach und das Sakristei neu gedeckt, die Kirche inwendig und auswendig verputzt und "ausgeweißet", beim Hochaltar und Seitenaltar Ausbesserungen vorgenommen, eine neue Treppe zum Hochaltar gemacht und die Stühle auf der Männerseite mit einer neuen Treppe versehen, weil die alte schon morsch war.

Bis zum Jahr 1837 hatte die Pfarrkirche zwei kleine Glocken im Turm; am 16. Mai 1836 erhielt die größere Glocke einen Sprung, daraufhin wurde die Glocke vom Schloß Wildegg "zur Aushilfe" herab gebracht: auch diese erhielt am 14. Dezember 1836 einen Sprung. - Ich verstehe nicht, wie wild man damals geläutet hat! War P. Leopold Gindl so gütig? - Die beiden gesprungen Glocken wurden umgegossen und mit der guten verbliebenen hatte nun Sittendorf seit 1837 drei Glocken. Die größere dient zu allen Zeichen, die zu geben sind; die mittlere zum "Zusammenläuten" und als "Armen-Seelenglöckel", auch zur Wandlung an Wochentagen, die kleine als "Verseh- und Zügenglöckel". Am 3. Mai 1837 wurden die beiden neuen Glocken in der Sakristei vom Hochwürdigsten Herrn Prälaten des Stiftes Heiligenkreuz geweiht und am 4. Mai erstmals abends geläutet.

Die Orgel wurde 1826 von Christoph Erler, Orgelbauer in Wien, ganz repariert. Ebenso am 5. und 6. Oktober 1837.

Die Silbermonstranz, die 1837 der einstige Pfarrer P. Emerich Simala der Pfarre schenkt, ist längst nicht mehr vorhanden._

1838 wurde der Hochaltar neu marmoriert, vergoldet, das Bild gefirnist, mit einer Rückwand versehen, die Statue des heiligen Florian und des heiligen Johannes Nepomuk renoviert, das Lamm Gottes versilbert. - Damals wurde auch das "Seiten - Altarl" beschrieben, das bis 1996 als Seitenaltar in der Pfarrkirche Raisenmarkt zu sehen war und nun angeblich im Stiftsmuseum Heiligenkreuz aufgestellt wird, beschrieben: Heute würde man sagen: Ein Altar geht auf Reisen!

"Das jetzige ‘Seiten = Altarl’, ist das Modell vom Hochaltar in Heiligenkreuz und kam von der Kapelle zu Wildegg ebenfalls 1838 nach dem Wunsche des Pl. Tit. Herrn Abt herab. - Dasselbe wurde neu renoviert, die Vergoldung ausgebessert und das Frauenbild Mater Dolorosa sub Curce, etwas vergrößert und übermalt vom ... Herrn Anton Zach, hineingemacht. Früher als dieses Altarl in Wildegg stand, war das Altarblatt Maria Himmelfahrt. Dieses Altarl ist noch etwas älter als der Hochaltar in Heiligenkreuz (weil es als Modell früher mußte gemacht werden) welcher 1699 den 15. August eingeweiht wurde. In dieses Altarl wurde zugleich (1838) ein kleiner Tabernakel angebracht, damit derselbe in der Karwoche als heiliges Grab dienen kann. Weil früher das Sanctissimum in die Sakristei getragen wurde._ - Das obengenannte Frauenbild Mater Dolorosa wurde wie im Taufprotokoll der Pfarre vorkommt, im Jahr 1757 den 24. Juni in der Kirche am Hochaltar aufgestellt, im Jahr 1802 wurde der Rahmen in welcher es sich damals befand, samt den 2 Engeln neu vergoldet, wie schon erwähnt wurde. Unter dem Herrn Pfarrer P. Emerich Simala 1824 wurde das damalige (jetzt ganz kassierte Seitenaltar) renoviert, und dieses Frauenbild aber ohne Engel unter dem damaligen (erzenen Kruzifix, welches seit 1838 sich in Heiligenkreuz befindet, um daselbst in der Kirche aufgestellt zu werden) angebracht. Erst im Jahre 1838, wie schon erwähnt wurde, kam es aus dem Rahmen heraus, und wurde als Altarbild des kleinen renovierten Seitenaltars angebracht."_ Der Vergolder Herr Anton Zach mit noch einem Vergoldergehilfen und einen Lehrjungen arbeiteten 17 Tage an der Renovierung des Hochaltars, des Seitenaltars, zweier Statuen und der Kanzel. "Ein neuer Teppich kam ebenfalls 1838 von Heiligenkreuz für den Hochaltar herüber, für die Festtage."

1838 werden auch die Kirchenfenster erneuert. 1839 wurde vom Hochaltar bis zu den Kirchenstühlen ein neues Steinpflaster gelegt, Kirchenfahnen wurden angeschafft oder erneuert. 1842 wurde ein neues versilbertes Rauchfaß samt Schiffchen der Kirche "geopfert".

Notiz zum Lutheranerkogel: "Der sogenannte lutherische Friedhof oder Lutheraner Kogel (links wenn man auf Wildegg geht, hinter des Zinsmeisters No 11 und Tischlers No 41, Häusern aufwärts gelegen) hat seinen Namen, weil man zur Zeit der lutherischen Reformation die Anhänger dieser Lehre aus der Gemeinde daselbst begrub und nicht in dem Friedhof um die Kirche begraben ließ. - Im Jahr 1832, als der neue Friedhof errichtet wurde, wurden daselbst die Steine zur Friedhofmauer gebrochen, wie man noch sehen kann.

Im Jahr 1843 hielt am 1. Juli Seine Fürsterzbischöfliche Gnaden Vincenz Eduard Milde Erzbischof von Wien die Kirchen- und Schulvisitation. Die Festlichkeit wird detailliert beschrieben. - Der Empfang war vor der Kirche, der Erzbischof sprach in der Kirche vor dem Hochaltar auf einem Armstuhl sitzend zum Volk, dann der Pfarrer P. Leopold Gindl von der Kanzel aus. Die Gebete für die Verstorbenen hielt der Erzbischof "beim Seitenaltar - weil es kurz vorher regnete, sonst wäre er in den alten Friedhof hinausgegangen." Solche liturgische Alibifunktionen waren damals üblich. Es fällt mir noch auf, daß - wenn ich richtig lese - "Seine Fürsterzbischöfliche Gnaden" seine heiße Schokolade fürs Frühstück selbst mitgebracht hat und nach dem 5 gängigen Mittagessen, das ab 14 Uhr im Schloß Wildegg zelebriert wurde, auf Wunsch des Heiligenkreuzer Abtes mit Böllerschüssen verabschiedet wurde.

1845 wird der Pfarrhof renoviert. Man beginnt mit Kehlheimer Platten die Böden zu pflastern. Die Pfarre hatte damals 415 Seelen, davon 220 männlichen und 195 weiblichen Geschlechtes: Sittendorf mit Wildegg und Neuweg 147 männlichen und 120 weiblichen Geschlechtes, zusammen 267; Rohrberg 15 männlich und 17 weiblich, zusammen 32; Dornbach 58 männlich und 58 weiblich, zusammen 116. - 1845 war die Anzahl der Geborenen 20, der getrauten Paare 3, der Gestorbenen 21.

1847 wird der Dachstuhl gerichtet und der Stukkaturboden. Dann folgt ein markanter Vermerk: "Das Chorgebäud, welches beinahe mitten in der Kirche angebracht war und den hinteren Kirchenstühlen das nötige Licht ‘benam’, wurde innen den Turm zurückversetzt; auf diese Weise gewann die Kirche an Licht und zugleich wurden die den Kircheneingang verunstaltenden Stiegen und Leitern auf den Chor und den Kirchendachboden entfernt. Die Mauer, auf welcher der rückseitige Teil des Chores ruhte, wurde abgetragen, in dem Turm ober den Chor eine Gurte gespannt, und den Oberteil des Chores eingewölbt. Der Aufgang auf den Chor wurde von außen durch die Kirchenmauer angebracht; deshalb das Kirchenfenster an dieser Wand vermauert und dafür zur gehörigen Beleuchtung des Chores im Turm ein rundes Fenster ausgebrochen." Das Gewölbe beim Kircheingang ist demgemäß nicht romanisch! Möglicherweise brachte dieser Umbau die Stabilität des Turmes in Unsicherheit und es mußte der starke Stützpfeiler vom heutigen Kircheneingang außen rechts gebaut werden. Das besagte zugemauerte Fenster läßt sich erahnen. Wie die Kirche mit der Sängerempore welche "beinahe mitten in der Kirche angebracht war" aussah, dazu die erwähnten "Stiegen und Leitern" ist mir unvorstellbar. - Es ist interessant weiterzulesen, was sich unmittelbar in der Chronik anschließt.

"Das Oratorium wurde über der Sakristei ganz neu gebaut und von dort eine Stiege in den Dachboden geführt. Ein Teil des Kirchendaches wurde abgetragen und über die neue aufgeführte Mauer des Oratoriums gezogen, das übrige Kirchendach ausgebessert. Die Mauer zwischen der Vorkammer und der eigentlichen Sakristei wurde abgerissen, um die Stiege auf das Oratorium anbringen zu können."_ - Unter den 6 angeführten Spendern waren 2 aus Sittendorf und 4 aus Sparbach. Die Sparbacher hatten also ein Interesse an diesem Zubau.- "Wegen des neuen Oratoriumsbaues mußte der Rauchfang, welcher auf dem alten Sakristeidach stand, abgetragen werden."

Weiterhin wird unter der Jahresangabe 1847 vermerkt: "Der Fußboden der Kirche wurde statt den Ziegeln mit Kehlheimerplatten gepflastert, welche vom Stifte Heiligenkreuz in Wien gekauft und durch Gemeinde Robotzüge hergeführt wurden. - Der Seitenaltar mußte während dem Baue weggenommen und zur Ausbesserung nach Heiligenkreuz in die Tischlerei gebracht werden. Er hatte durch die Feuchtigkeit der Mauerwand stark gelitten ... Die Kirche und der Turm sind größtenteils aus Tuffsteinen gebaut. Das Mauerwerk zeigte starke Brandspuren, welche nach Möglichkeit ausgebessert werden." - Somit wird meine Theorie, die Kirche sei aus dem gleichen Baumaterial wie der mittelalterliche Teil von Heiligenkreuz und die Burg Wildegg möglicherweise in Frage gestellt. Aber die gefundenen Brandspuren verweisen auf das Katastrophenjahr 1683 und bestätigen meine Annahme, daß 1683 die Sittendorfer Kirche durch die Türken gebrandschatzt wurde: daraufhin wurde die romanische Apsis zum Eingang, sie wurde zugleich verlängert und mit der westlichen Apsis abgeschlossen. - Es fragt sich nur, warum hat man nicht gleich den Sängerchor in den Turm hinein verlegt? Das muß doch einen Grund haben!

"Die Orgel, welche beim Bodenlegen entfernt werden mußte, wurde vom Herrn Weisenbeck, Schullehrer zu Neuhaus, wieder aufgerichtet und gestimmt. Die Holzpfeifen sind durch den Wurmfraß schon stark beschädigt." - Also stand die Orgel - nicht wie vorher vermutet - auf der Sängerempore, die in den Turm hinein gebaut wurde, sondern herunten auf dem Pflaster. - Auch damals 1847 wurde die Kirche "ausgeweißt" und der Turm "gefärbelt". - "Zu Baumaterialien wurden die Steine aus den abgebrochenen Mauern und 2000 Stück Ziegel verwendet. Auch wurden 5 ½ Kub. Kl. Steine gebrochen aus dem Felsen ober dem Pfarrhofe." Vielleicht sind das die Steine für den Stützpfeiler! - Es werden anschließend erstmals der Stadel erwähnt, der vergrößert und der Saustall, in dem ein neuer Trog eingelegt wird; beide glorreiche Ereignisse finden 1847 statt.

1848, 3. Jänner: "In dem Kirchenturm wurden die Fensteröffnungen mit neuen, gelb angestrichenen Jalousien versehen, um den Schnee abzuhalten, der in früheren Zeiten bei heftigem Schneegestöber in den Kirchendachboden hineingeweht wurde. Dieselben wurden angeschafft auf Kosten des Stiftes Heiligenkreuz."

"Die Wiener = Unruhtage des 13., 14., und 15. März d. J. <1848>, die Gerüchte von Zerstörung und Plünderung mehrerer Häuser und Fabriken in und um Wien machten auch in dieser Pfarrgemeinde alles bangen vor der drohenden Gefahr von Gewalttätigkeiten. Schon hatten einige beschlossen, ihre Häuser zu verlassen und mit ihren Kindern und ihrem Vieh in die nächsten Waldungen sich zu flüchten. Der derzeitige Pfarrer <P. Cajetan Sevignani> ließ daher am 17. des Monats früh um 8 Uhr die gesamte Sittendorfer Gemeinde sich beim Amtsrichter namens Josef Sulzer versammeln und suchte den Versammelten in einer Zurede Mut und Vertrauen einzuflößen. Er mahnte zur Einigkeit und zu festem Zusammenhalten untereinander, um etwaige Plünderung oder Feueranlegung und dergleichen abzuwehren; - ersuchte aber zugleich den brotlosen und im Frieden kommenden Menschen Brot und andere Nahrungsmittel nach Möglichkeit zu reichen; - die allerhöchst versprochenen Verbesserungen möge man auf dem Wege der Ordnung und des Rechtes ruhig erwarten und dankbar annehmen. - Einstimmig war diesen Vorschlägen beigetreten. Alle blieben zu Hause und bei ihrem Gewerbe. - Keine Gewalttätigkeit. - Am 26. März wurde in der hiesigen Pfarrkirche ein Hochamt mit Te Deum laudamus <Großer Gott, wir loben dich> gehalten zur Danksagung für die von Seiner Majestät Kaiser Ferdinand bewilligte Constitution und für die wieder hergestellte Ruhe und Sicherheit im Lande."_

Oktober 1848: "Die Oktoberrevolution und die Belagerung der Hauptstadt Wien machte auch die hiesigen Leuten recht bange. Gegen Ende Oktober kamen einmal zwei Männer aus einem benachbarten Dorfe in völliger Wut mit geladenen Gewehren nach Sittendorf und Dornbach und forderten die hiesigen Männer auf, der Umsturzpartei in Wien gegen das belagernde reguläre k. k. Militär zu Hilfe zu eilen und drohten, im Verweigerungsfalle die Leute im eigenen Hause zu erstechen. Die hiesigen Männer richteten Sensen, Gewehre und andere Waffengattungen zusammen, aber nicht um nach Wien zu ziehen, sondern um im Notfall sich damit gegen die Wühler zu verteidigen. Zum Glück waren diese Vorkehrungen unnötig."_ - "Die hiesigen Männer richteten Sensen, Gewehre und andere Waffengattungen zusammen" - man staunt über das Waffenarsenal der Pfarre Sittendorf!

Für das Jahr 1850 und folgende wurden <drei> neue Tauf- Trauungs- und Sterbeprotokoll<bücher> angeschafft._ Im Juni desselben Jahres wird vermerkt: "Der Stadel wurde um 1 Schuh gehoben und untermauert, der Dresch=Tenn neu gelegt, der Rauchfang ausgebessert und zugedeckt." - "Der Stadel wurde um 1 Schuh gehoben" - die Aula entwickelt sich!

Am 29. Juni 1850 findet in der neu konstituierten vereinigten Gemeinde Sittendorf - Dornbach die erste Wahl der Gemeindevorsteher statt. Um 7 Uhr beginnt sie mit der Frühmesse, um 8 Uhr wird im hiesigen Gasthauslokale zur Wahl geschritten. Gemeinderichter wird der bereits erwähnte Josef Sulzer, Wirtschaftsbesitzer in Sittendorf 39. Nach geschlossenem Protokolle - 12 Uhr mittag - begeben sich die Gemeindevorsteher in die Pfarrkirche zur Eidesablegung, wobei auch von den Gewählten das Meßbuch geküßt wird; die Zeremonie schließt mit Te Deum und eucharistischem Segen._

Am 8. November 1850 wird der Kirchendachboden mit Ziegeln gepflastert. - Um den Jubiläumsablaß zur erhalten zog man in der Zeit zwischen 15. November - 14. Dezember 1850 dreimal in Prozession von der Sittendorfer Kirche nach einer heiligen Messe in die Gaadener Kirche zum eucharistischen Segen, dann in die Heiligenkreuzer Kirche zum eucharistischen Segen und wieder in die Sittendorfer zurück, wo ein abschließender eucharistischer Segen mit Te Deum gehalten wurde._ - Damals konnte ein Sittendorfer Pfarrer noch etwas energischer seine Schäfchen durch die Himmelstür treiben!

"Am 6. Dezember früh um 8 Uhr wurde in dem hiesigen Gasthauslokale unter Leitung eines Offiziers die Conscriptions-Revision vorgenommen. Die Aufschreibungen geschehen doppelt: a) für die k. k. Bezirkshauptmannschaft - von einem Militärschreiber, b) für die hiesige Gemeinde von einem Gemeindeschreiber. - Der Pfarrer hatte mit seinen Tauf- und Sterbprotokollen dabei gegenwärtig zu sein. Die pfarrliche Seelenbeschreibung leistete wesentliche Dienste zur schnelleren und sicheren Vollführung des Geschäftes."_

18. April 1851: "Wegen des großen, belästigenden Luftzuges wurde vor dem Eingang in die Sakristei auf Kosten des Stiftes Heiligenkreuz ein hölzernes Vorhaus gebaut." - 24. - 28. Juni 1851: "Da die Orgel in der hiesigen Pfarrkirche schon sehr schadhaft war, so ließ das Stift Heiligenkreuz dieselbe durch Herrn Erler jun. Aus Wien reparieren und in ganz brauchbaren Zustand herstellen." - Ein neues Pfarrsiegel wurde besorgt, "sowohl zum Wachs- als auch zum Schwarzdruck Gebrauche".

Zum erstenmal lese ich 1855 von der Wallfahrt zur Cholerakapelle am 15. August.

Da überrascht mich folgende Eintragung 1859, sie müßte aus der Hand von P. Dr. phil. Hermann Umdasch stammen, falls meine Research stimmt: "Die sehr baufällig gewordene alte Kirche, die ganz von Tuffstein erbaut <ist>, wurde durch 2 starke Schutzpfeiler und gezogene eiserne Schließen, die im Hinterteil der Kirche angebracht und respektive durch den Chor gezogen wurden, vor weiterer Gefahr geschützt. Bei dieser Gelegenheit wurde das Innere der Kirche durch einen Anwurf von hydraulischer Kalke und Übertünchung renoviert, auch die Fenster in der ganzen Kirche neu von außen angeschlagen, um dieselbe gegen die Nässe, die sich durch nur inwendig angebrachte Fenster im Innern der Kirchenwände verbreitete, zu bewahren, auch wurde die alte schadhafte Friedhofmauer gänzlich entfernt ... An die Stelle der alten gänzlich unbrauchbaren Orgel wurde eine neue von den Brüdern Erl in Wien erbaute Orgel mit 6 Registern angeschafft."

1862: "Herr Bürgermeister Leopold Tromayer hat vor der Kirche 4 Stück Lindenbäume pflanzen lassen. Herr Förster Endele Xaver ließ ein neues Kripperl zu Weihnachtsfest verfertigen."

1863 wurde die mittlere Glocke, nachdem sie "zersprungen" ist in Wiener Neustadt von Herrn Ignaz Hilzer umgegossen und am 21. Juni vom H. H. Abt von Heiligenkreuz mit großer Assistenz geweiht.

1864 lese ich erstmals von einem Kuhstall im Pfarrhof. - 1866 leistet sich die Pfarre Sulz neue Kreuzwegbilder und übergibt ihre alten der Pfarre Sittendorf.

1866 ist die große Glocke zersprungen und vom Wiener Neustädter Herrn Ignaz Hilzer umgegossen und am 10. Mai geweiht worden. - Bisher habe ich 4 zersprungene Glocken in der Geschichte Sittendorfs gezählt. - Ich staune über die vitalen Läuterbuben! - 1871 erhält die Kirche ein neues Schindeldach, die dazu erforderlichen 30.000 Stück werden im Pfarrhof angefertigt; die Kirche wird innen und außen gefärbelt._ - Am 18. Und 19. April 1877 wird statt der schadhaften hölzernen Rohrleitung eine eiserne Rohrleitung von der Brunnenstube durch den Garten gelegt. - "Die Betstunde am heiligen Rochustage (16. August) wurde in diesem Jahre nicht mehr bei der im Orte befindlichen Kapelle, sondern - unter allgemeinem Beifalle und sehr zahlreicher Betheiligung - im Gotteshause abgehalten unter Aussetzung des Hochwürdigsten Gutes."_ - 1877 wurde wieder einmal der Hochaltar renoviert, der Seitenaltar, "welcher dem Zerfalle so ziemlich nahe war" zerlegt, nach Heiligenkreuz gebracht, "was sich nicht ausbessern ließ, neu gemacht", die Kirche innen und außen "hin und wieder" verputzt und ganz "geweißiget"._ - Der Seitenaltar wird mit einem neugemalten Bild der Himmelfahrt Mariens am 15.-17. Juli 1878 wieder aufgestellt.. - Aus dem Nachlaß von Abt Edmund Komáromy wird eine Kreuzpartikel "in einer Einfassung aus unedlem Metalle aber von gefälliger Form" von der Kirche Sittendorf "angekauft"._ - Am 21. August 1878 erhält die Kirche Sittendorf zwei neue Altarsteine, die zu Staub zerfallenen heiligen Reliquien (Hochaltar: des heiligen Märtyrers Sebastian, der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Victoria und des heiligen Märtyrers Justinus; Seitenaltar: der heiligen Märtyrerin Vincentia und der heiligen Märtyrerin Patientia) am Karsamstag mit den Resten der heiligen Öle verbrannt. - Die jährliche Wallfahrt zur Cholerakapelle am 15. August 1878 ist "bei 40 Personen stark".- Am 21. September 1878 erhält die Kirche von der Familie des Herrn Wenzeslaus Kole(ek, k. k. Oberinspector der General-Inspection der österreichischen Eisenbahnen, "ein silberplattiertes Rauchfaß samt Schifferl."

                "Im Winter von 1878-1879 wird die erste Brunnenstube (Quelle) auf einer zum Haus Nr. 36 gehörigen Wiese ausgeräumt und mit einem Pfosten überdeckt, daß gleichend die erste Öffnung (oben auf dem zum Hause Nr. 17 gehörigen Acker) bloß gelegt und gut ausgeräumt, - und die eisernen Röhren von dieser Öffnung an bis zur Brunnenstube (an der südwestlichen Ecke des pfarrlichen Gartens - aber außerhalb dieses Gartens) mittels der Reinigungskette gut gereiniget." - Überrascht bin ich über die Beichtgelegenheit ab 5 Uhr morgens anläßlich eines Jubiläums Seiner Heiligkeit Leo XIII. von Osterdienstag bis Pfingstsonntag von 5-7 Uhr täglich an Wochentagen an Sonntagen von 5-8 Uhr, an Samstagen von 5-7 Uhr vormittags und 5-8 Uhr nachmittags.

                Vom 15.-31. Juli 1880 wird die Friedhofsmauer ausgebessert und ein neues Gittertor eingesetzt. Genau die Hälfte der Maurerarbeiten zahlte der ehemalige Wirtschaftsbesitzer Joseph Sporrer Nr. 12 allein, die andere Hälfte die "löbliche Pfarrgemeinde Sittendorf". - Vom 7.-10. August wurde die gesamte Wetterseite der Kirche außen (auf der rechten Seite vom Haupteingang aus) abgeschlagen und mit "hydraulischem Kalke" angeworfen und gelb angestrichen." Damit steht fest, die Lieblingsfarbe unserer Kirche ist gelb. Das ist die Erstnennung in der Chronik, was die Außenfarbe unserer Kirche betrifft.

                Das ist eine Enttäuschung: jetzt sind immer noch hölzerne Wasserleitungsrohre nach der Eintragung vom Mai 1881 im Pfarrhofgarten. Ich wähnte bereits eiserne dort zu haben!

                Seit 1. Juli 1882 ist Rohrberg und Vogelgraben von Sittendorf "ausgepfaret" und nach Sulz "eingepfaret" worden. - "Am 8. Oktober <1882> fand eine Einweihung der neu gegründeten Schule in Sparbach statt; die Sparbacher Kinder kommen von da an nicht mehr nach Sittendorf in die Schule; der Religionsunterricht wird von Gaden aus besorgt. - Im Herbste wurde ein neues Vorhaus <vor das Pfarrhaus> hergestellt."

                1886 wird die Orgel von Herrn Johann Kaufmann in Wien, Mariahilf, Stumpergasse 48 repariert. Es wurden "die kreischenden Stimmen herausgenommen und durch sanfte (Gamba und Gedeckt) ersetzt." - "Nachträglich sei noch zum Punkt Orgel bemerkt, daß durch die Anbringung der 2 sanften Register der ganze Orgelkasten mit Pfeifen vollgestopft wurde und der Organist zum Altare nicht sehen konnte. Mithin wurde zu einem Spiegel Zuflucht genommen, wie er jetzt angebracht ist und so kann man vom Sitze der <Orgel> mittels des Spiegels zum Altare sehen."_

                P. Leopold Je(abek schreibt: "Es kommt einem sehr schwer vor dieses Jahr <1891> mit einem Trauerspiel zu beginnen. Indessen es muß sein. - Durch die Schlauheit der Dornbacher einerseits und durch die Lauheit der Sittendorfer andererseits wurde in dem Jahr 1891 die ganze Gemeindevertretung (durch Wahl) nach Dornbach verlegt. Der Sitz des Ortsschulrates ist jedoch Sittendorf. Die Wasserleitung in der Gemeinde wurde neu hergestellt. Die frühere größtenteils schadhaften Holzröhren wurden durch gußeisene ersetzt. Die Quelle unter der Kirche wurde gedeckt und geschlossen und mit einer Pumpe zum Gebrauche für die umliegenden Häuser versehen."_ - Auch die Pfarrhofwasserleitung erhält Eisenrohre und wird bis zur Quelle beschrieben. - "Die Zeit war regnerisch windig und darauf kalt. Bei diesen starken Winden hat sich das Turmkreuz umgebogen und blieb in dieser schiefen Stellung bis zum 30. Jänner 1892, an welchem Tage es samt der Kugel um die Mittagszeit nach dem Läuten (5 Minuten) herabfiel." Das Dekanat Heiligenkreuz wird geschaffen, zu dem Sittendorf nun gehört, die Kirche innen und außen ganz gefärbelt, die morschen Kirchenstühle erneuert, teilweise das Kirchendach ausgebessert, das Loch_ zur Gruft geöffnet, "der ganze Schutt herausgeschafft und durchgeworfen. Dabei fand man von einer Menge Kleingebein einen ziemlich gut erhaltenen Rumpf eines Neudecker Ritters zu Wildegg samt Schädel und 2 andere scheinbar neueren Datums, einer davon durchgesägt und gut erhalten._ Alles wurde auf einer hölzernen Bank, die der Schreiber machen ließ, gebracht, aufgestellt und die Öffnung vermauert. Ferner fanden sich vor die 5 kupfernen Aufschrifttafeln der Ritter von Neudeck, wovon 2 sehr gut erhalten und leserlich sind."_ Schließlich wird noch der Fund eines goldenen Ringes und einer Goldmünze vermerkt._

                P. Leopold Je(abek war "auch als Cassier bei der hiesigen Feuerwehr tätig."_ Auch sein Nachfolger P. Heinrich Sekyra wurde "zum Cassier der Feuerwehr gewählt"._ - "Am 13. September <1903> hat Sr. Gnaden, der Hochw. Hr. Prälat Dr. Gregor Pöck bei unfreundlicher Witterung und bei ausgespannten Regenschirmen das neue Friedhofskreuz eingeweiht."_

                Im Jahr 1907 vermerkt bereits Pfarrer Hugo Presch, daß der Wiener Fabrikant Robert Bergmann und seine Gemahlin Ida, die oberhalb der Waldvilla (e(ula, am Rande des Füllenbergerwaldes eine kleine Villa erbauten, den "lieben Sittendorfern" eine zwei Zifferblätter aufweisende Turmuhr im Werte von 1200 Kronen zum Geschenk machten. Erneut wurde die Orgel vollständig repariert._

                1908 wurde der Seitenaltar durch einen neuen ersetzt, das angebliche Modell des früheren Heiligenkreuzer Hochaltares wegen gründlicher Reparatur entfernt._ Am 1. Juli desselben Jahres wurde die "Visitation und Religionsprüfung der Schulkinder" durch Weihbischof Dr. Godfried Marschall mit Triumphbogen am Eingang des Dorfes, weißgekleidetem Schulkind, Musikkapelle, Böllerschüssen, Fahnen und Girlanden reichlich geschmückten Straße begangen._

                P. Marian Chocensky vermerkt, daß am 27. August 1910 seine Schwester, Frau Sofio von Gadzi(ski, Hauptmannsgattin in Krakau, nachdem sie 11 Wochen bei ihm gewohnt hat, ein weißes Meßkleid mit Goldstickereien im Wert von 350 Kronen spendete._ - Bei der Volkszählung am 31. Dezember 1910 zählte die Gemeinde Sittendorf 508 Einwohner, Dornbach 224, Sittendorf 284. Zu Beginn des Schuljahres 1919/11 zählte die hiesige Volksschule 108 Kinder, 35 Knaben und 53 Mädchen. Im Jahr 1910 wurden 4 Paare getraut und 1 Paar zur Trauung nach Maria - Taferl entlassen. Legitimiert wurden 5 Kinder, geboren 15, darunter 1 totgeborenes und 1 bloß notgetauftes, 7 Personen sind gestorbenen, darunter 1 Ortsfremder._

                In der Ortschulratsitzung vom 22. Jänner 1911 verlangen die Dornbacher die sofortige Errichtung einer Filialschule in Dornbach; schließlich wird beschlossen, die verlangte Schule erst nach 3 Jahren ins Leben zu rufen, bis nämlich die auf der Sittendorfer Schule lastenden Schulden getilgt sind._

                Einige Seiten danach findet sich die Eintragung: "Am 27. Juni. <1911> abends wurde die verheiratete Ausnehmerin Theresia Lintinger, eine dem Alkohol und dem Tabak frönende Greisin in ihrem Zimmer tot aufgefunden, nachdem sie sich noch im Laufe des Nachmittags ihr geliebtes Rumfläschchen beim Kaufmann hatte frisch einfüllen lassen."_

                Am 11. November 1912 verstarb der hiesige Schulleiter Rudolf Bittmann nach sechstägigem Krankenlager an Lungenentzündung. Am 3. November versah er noch den Chordienst, am 6. November erteilte er den letzten Unterricht. Sein Begräbnis war am 13. November; der Gaadener Kirchenchor sang Trauerlieder, der Oberlehrer von Gaaden Leopold Schneider hielt einen Nachruf, "der kein Auge trocken ließ". Rudolf Bittman war Absolvent des Brünner Gymnasiums, hatte anscheinend wiederholt "domesticas controversias cum uxore sua", d.h. "häusliche Auseinandersetzungen mit seiner Frau", starb im 50. Lebensjahr und hinterließ eine Witwe mit 3 größeren, aber noch unversorgten Kindern._ - Am 24. Februar 1913 bekam die hiesige Volksschule eine neuen Schulleiter in der Person des Herrn Josef Reis, der seit 16. November 1912 zur aushilfsweisen Dienstleistung der Schule in Sittendorf zugewiesen war. Der neue Schulleiter wird als "sehr musikalisch" beschrieben, der "die Orgel tadellos spielt" und "den Kirchengesang in der kürzesten Zeit ganz bedeutend gehoben" hat._ Daraufhin wird Ende April 1913 die Orgel der hiesigen Pfarrkirche von der Firma Josef Ullmann und Sohn in Wien einer gründlichen Reparatur unterzogen, der Blasebalg wurde neu beledert, ein neues Pedal eingesetzt, das Spielwerk ausgestaubt und neu gestimmt._

                Am 10. Mai 1913 verstarb im 74. Lebensjahre an Magenkrebs im Pfarrhof die Mutter des hiesigen Pfarrers P. Marian Chocensky, Frau Anna Chocensky, geborene Kaufich, Kaufmannswitwe. Sie wurde von ihrem Sohn im hiesigen Ortsfriedhof am 12. Mai bestattet._

                In der Zeit vom 10. Oktober bis 14. November 1913 herrschte in unserer Pfarre die Maul- und Klauenseuche._

                Am 31. Juli 1914 wurde durch ein Telegramm auch in Sittendorf die allgemeine Mobilisierung angeordnet. Die Entsprechenden Angaben fehlen, weil der Schreiber anscheinend nachfragen wollte und für die entsprechenden Zahlen im Text einen entsprechenden Platz aussparte, der aber bis heute leer blieb. Am 20. August wurde auch das zweite Aufgebot, die 37 - 42 jährigen Landsturmpflichtigen einberufen, die in entsprechenden Etappen einrücken mußten. Bis zum 27. November sind von der Gemeinde Sittendorf 46 Männer der Jahrgänge 1872 - 1893 eingerückt, darunter auch der hiesige Schulleiter Josef Reis und der hiesige Mesner Anton Beer._ - P. Marian, der neben zahlreichen sonderbaren Wetter- und Ernteberichten ebensoviele Zeitungsausschnitte in die Chronik klebte, bringt zwei mit der Überschrift Sittendorf. Der erste berichtet über eine hochherzige patriotische Tat. Der Wiener Hof- und Gerichtsadvokat Dr. August Periz, der die Sommermonate schon seit einer Reihe von Jahren in unserem stillen Orte verlebt stellt den armen Familien in Sittendorf und Dornbach, die Kriegsteilnehmer hat, "für die Dauer des Feldzuges" monatlich im ganzen 500 Kronen zu Verfügung, die durch das Bürgermeisteramt zu Auszahlung gelangen. - Der zweite Zeitungsausschnitt vermeldet, daß die Holzhauerswitwe Frau Josefa Mathauser, Kleinhäuslerin in Sittendorf sieben Söhne als Soldaten einberufen hat.

                Die Schule beginnt mit dem Aushilfslehrer Hans Wallisch "ganz normal". - Die Kriegsanleihe wird erwähnt, Schulkinder sammeln Weihnachtsgaben für die "im Felde stehenden Krieger". Von den Schulmädchen werden Schneehauben, Puls- und Kniewärmer für die Soldaten verfertigt._ - An Stelle des interimistischen Schulleiters Hans Wallisch, der zum Waffendienst einberufen wird, kommt 1915 Karl Schwabl, geb. 1888, der bisher in Mödling an Schulen tätig war. - In Wien grassieren die Blattern, man läßt sich dagegen impfen._ - Am 11. Februar 1915 stirbt im Stift Heiligenkreuz mit 45 Jahren Dr. phil. P. Florian Watzl, der wiederholt in Sittendorf die Fronleichnams-Prozession hielt oder predigte._ - Im April 1915 wird durch die Schuljugend die "patriotische Kriegsmetallsammlung" durchgeführt, alle entbehrlichen Metallgegenstände abgegeben, was 13 kg Kupfer, 45 kg Messing, 65 kg Blei und 9 kg Unsortiertes ergab._ - Bald danach werden die Lebensmittel rationiert, man beginnt beim Brot: Brotkarten werden von der Gemeinde ausgegeben._ - Am 16. Mai 1915 wird erneut der Schulbau in Dornbach in einer Ortsschulratssitzung verschoben._ - 12 - 14. jährige, die in der Landwirtschaft helfen, brauchen nicht in die Schule gehen, was alle "Faulpelze und Schulstürzer" ausnützen. Die Landsturmpflicht wird bis zum 50. Lebensjahr ausgedehnt (früher bis zum 42. vollendeten)._ - Da der Pfarrverweser von Gaaden P. Alberik Rabensteiner freiwillig zum Felddienst meldete, übernimmt der Sittendorfer Pfarrverweser P. Marian Chocensky die Seelsorge, Kanzlei und Religionsstunden in Gaaden und Sparbach. Der provisorische Schulleiter Karl Schwabl wird zum Bürgerschullehrer in Mödling befördert, die hiesige Schulleiterstelle übernimmt Arthur Haselrieder (geb. 7. Oktober 1893 in Fischamend und nach Wien zuständig), kann jedoch nicht die Orgel spielen und so kommt ein Stiftskleriker des 3. Jahrganges Frater Malachias Konwalina an Sonn- und Feiertagen, um die "Königin der Instrumente" zu spielen._ - Vom 29. September - 2. Oktober wird eine Sammlung von Wolle, Kleidern, Strümpfen, Unterwäsche, Teppichen und alle Arten Kautschuk fürs Militär durchgeführt._ - 30 Kriegsgefangene Russen übernehmen in Heiligenkreuz Feld- und Waldarbeiten und bewähren sich ganz gut._ Anschließend liest man von Preissteigerungen, Wuchergesetzen, Höchstpreisverordnungen und der dritten Kriegsanleihe._ - Anfangs Jänner 1916 stellt der hiesige Jagdpächter Dr. August Periz seine oben erwähnte Unterstützung ein, weil sie teilweise mißbraucht wurde._ - "Am Ostersonntag wurde hier eine vierstimmige Messe aufgeführt (der Kleriker Fr. Malachias, der Familiar des Stiftes Hermann Nigg, Fräulein Rosa Hirsch_ und ein Sängerknabe); für unseren Ort ein Ereignis."_ - Am 30. April 1916 wird die Sommerzeit eingeführt._ - Am 15. Mai 1916 übernimmt der hiesige Schulleiter Josef Reis wieder seinen Dienst. Am 27. Juli 1914 einberufen, nahm er an den Kämpfen gegen Serbien teil, wo er am 18. November 1914 verwundet wurde: Durchschuß der linken Hand, des Magenmundes und der rechten Lunge und beim Rücktransport Erfrierung der beiden Füße. Infolge der Steifheit der linken Hand konnte er den Chordienst nicht übernehmen. - Die vierte Kriegsanleihe wird erwähnt, die den Sieg verheißt._ Am 25. Juni 1916 hält der Hohenfurther Professor in Heiligenkreuzer P. Dr. Josef Tibitanzl die Fronleichnams-Prozession._ - Erneut wird eine Metallsammlung durchgeführt und am Sonntag, den 30. Juli 1916, also am zweiten Jahrestag des Kriegsbeginnes, eine Generalkommunion der Schulkinder nach der Meinung des Heiligen Vaters "um Erlangung eines baldigen Friedens" veranstaltet. In Sittendorf gingen 50 Kinder zu den heiligen Sakramenten._ - Die Erhöhung des Bierpreises, die polizeiliche Besichtigung in Privathaushaltungen an fleischlosen Tagen - nun Montag, Mittwoch, Freitag - und die Einführung der Fettkarten scheinen den Chronikschreiber empfindlich geschmerzt zu haben. - Die bereits erwähnte - nun 60 jährige Frau Johanna Mathauser - hat jetzt neun Söhne im Feld. Frau Mathauser erhält am 9. September den Besuch Ihrer k. Hoheit der Erzherzogin Isabella, der Gemahlin des Feldmarschalls Erzherzogs Friedrich, die ihr eine Hundertkronennote überreicht._ - Steuerzuschläge, eine Zündmittelsteuer, "wucherische Zurückhaltung" und neue Briefmarken werden beschrieben. - P. Dr. Alois Wiesinger - der spätere Abt von Schlierbach - wird nun stabiler Seelsorger in Gaaden, dem Sittendorfer Pfarrer P. Marian Chocensky bleibt jedoch die Katechetenstelle in Sparbach._ - Es folgen Abgaben, Sammlungen, das Verbot der Gräberbeleuchtung zu Allerseelen, die Wiedererrichtung des Königreiches Polen_, das Angebot, die 5. Kriegsanleihe zu zeichnen und der Tod des Kaisers Franz Josef im Schönbrunner Schloß am 21. November 1916 um 9 Uhr abends im 86 Jahr seines Lebens (geb. 18. August 1830) und dem 68 Jahr seiner Regierung (seit 2. September 1848). Inmitten von Fieberqualen hat er sich noch am letzten Tage seines Lebens zur Arbeit gezwungen und nachdem er über sein Verlangen um 6 Uhr abends zu Bett gebracht worden war, ordnete er an, am nächsten Tage um ½ 4 Uhr früh geweckt zu werden, welcher Befehl jedoch nicht mehr ausgeführt werden konnte. Am 30. November, dem Begräbnistag Seiner Majestät fand in Sittendorf ein feierliches Requiem mit Libera statt. Der derzeitige Organist Frater Ottokar aus dem Stift Heiligenkreuz führte mit noch 2 Klerikern eine dreistimmige Messe auf._ Durch eine spätere Notiz, erfährt man, daß Frater Ottokar den Familienname Holzer trägt und am Weihnachtstag 1916 mit den hiesigen Chorsängerinnen, zumeist Schulmädchen eine vollständige lateinische Messe "exekutierte".

                1917 hat es in der Kirche minus 2 Grad; das Weihwasser im Holzbottich war bis zum 27. März eingefroren! - Einige Seiten darauffolgend ist zu lesen: "Da es an Mehl, Brot und Erdäpfeln auch auf dem Lande mangelt, ist die Not schon eine ganz arge, das Durchhalten wird immer schwieriger. Interessant ist die Tatsache, daß man auch Pflanzen, die bisher als Unkraut bekannt waren, wie Brennessel, Allium ursinum, Bärenlauch (übrigens ein guter Spinatersatz) als Gemüse verwendet werden."

                "Am 23. Februar 1917 nach der 1. diesjährigen Kreuzwegandacht wurden von den 3 Glocken unserer Kirche zwei zum Kriegsdienste einberufen. Die Abnahme vollzog sich ohne jede Vorarbeit oder Gerüstaufstellung in dem Zeitraume von einer knappen ½ Stunde. Die beiden Glocken wurden in der Glockenstube abmontiert und sodann durch das Turmfenster hinabgeworfen. Bei diesem ‘Fenstersturze’ ging die größere, die - weil zersprungen - schon lange Zeit nicht mehr geläutet wurde, in Trümmer, während die kleinere unversehrt blieb. Die größere Glocke, 68 cm Durchmesser und 147 Kilogramm schwer mit dem Relief ‘Christus am Kreuz’ wurde im Jahre 1892 von Peter Hilzer in Wr. Neustadt gegossen, die kleinere, 44 cm, 49 kg schwer mit dem Relief ‘Christus am Kreuze und Maria mit dem Jesukinde’ stammt aus den Jahren 1837, gegossen von Jakob Korrentsch in Wien. Die einzige noch verbliebene mittlere Glocke 52 cm mit dem Relief ‘Madonna mit dem Kinde’ (Peter Hilzer 1863) wurde somit ‘ancilla pro omnibus’."_ - "Ein Paket Landtabak wird künftighin aus vier Fünftel Tabak und einem Fünftel Birkenblättern bestehen," meldet ein Zeitungsausschnitt. - "Nun klappern viele Kinder mit schweren Schuhen daher, deren Oberleder ganz roh und deren Sohlen aus Holz sind. Selbst diese plumpen Surrogate sind teuerer als die feinsten Lederschuhe ante bellum <vor dem Krieg>."_ - Am Ostermontag wird die Bevölkerung vor Sabotageakten feindlicher Agenten von der Kanzel aus gewarnt. - Erzbischof Friedrich Gustav Piffl ordnet an, daß bei den diesjährigen Firmungen kein Patenzwang besteht, da sonst viele Firmlinge der Firmung fernblieben, zumal es in diesen so teuren Zeiten an Paten mangelt._ - Eine 6. Kriegsanleihe wird auch in Sittendorf angeboten._

Eine sehr unliebsame Begleiterscheinung dieser unseligen Kriegszeit ist das Überhandnehmen von Eigentumsdelikten, wie Einbrüchen, Feld- und Gartendiebstählen. Auch unser Ort wird von Diebsgesellen heimgesucht, denen es wiederholt gelingt, in manchen Bauernhäusern eine ganz respektable Beute zu machen. So wird dem hiesigen Bauer Franz Maschla 30 kg Schweineschmalz, in diesen Zeiten ein gar kostbarer und auch nicht um Geld zu habender Artikel, Selchfleisch, Eier im Werte von 600 Kronen gestohlen, unserer Nachbarin, der Theresia Mathauser wird ein lebendes Jungschwein entführt und der hiesigen Stiftsgasthauspächterin Maria Größing ein Bienenstock entwendet! Den größten Unwillen aber erregen die zahlreichen Feldplünderungen, zumeist zur nächtlichen Zeit, bei welchen es die Diebe namentlich auf die heuer so raren Kartoffeln abgesehen haben, die - wenn auch noch unreif - zu Hunderten herausgerissen werden; auch Getreideähren werden "requiriert", d. h. mittels Scheren abgeschnitten. Nicht bloß arme, sondern auch reiche Leute nehmen an diesen Diebstählen teil, gegen die auch die Flurwache machtlos ist. Auch im hiesigen Pfarrgarten wird am 20. August gerade um die Mittagszeit ein junger akademischer Maler aus Wien, et quidem ex honesta familia oriundus <aus einer ehrenwerten Familie>, beim Obstdiebstahl erwischt und dem Bürgermeister überstellt, der ihm den wohlgefüllten Rucksack - der in diesen Zeiten eine sehr wichtige Rolle spielt - abnahm und eine Geldstrafe von 10 Kronen auferlegt. Die Eisenbahndiebstähle sind auch an der Tagesordnung, nicht bloß einzelne Frachtgüter, Kisten und Gepäckstücke, zumal wenn Eßwaren, Wäsche, Kleider und Schuhe enthalten sind, werden spoliiert <geplündert>, sondern auch ganze Waggons, wenn auch plombiert, erbrochen und ausgeraubt. Anfangs Oktober werden aus der elektrischen Kraftanlage von Mödlinger - Hinterbrühler Straßenbahn der kostbare Treibriemen entwendet und von den Dieben behufs Sohlenledergewinnung zerstückelt. Infolgedessen bleibt der Betrieb dieser auch für Sittendorf so wichtigen Strecke durch 2 Tage eingestellt.

Durch die Unvorsichtigkeit eines rauchenden Grasmähers entsteht am 24. August um 5 Uhr nachmittags in der Neukultur des unseren Ort überragenden "kleinen Buchkogels" vulgo "Schusterkogels" ein Brand, der sich bei der nun herrschenden Dürre und Trockenheit unheimlich schnell ausbreitet und den angrenzenden Jungwald ergreift, in welchem er sich gerade in die Richtung gegen die Waldvilla und den Pfarrhof Bahn zu brechen sucht. Nur durch das zielbewußte Zusammenwirken der Ortsinsassen, die sich ohne Unterschied der Stellung, des Alters und Geschlechtes an der Eindämmung des Brandes eifrigst beteiligt, gelingt es, das gefräßige Element in seinem verheerenden Laufe aufzuhalten und zu dämpfen. Die von Heiligenkreuz, Sulz, Sparbach und Gaaden herbeigeeilten Feuerwehren besorgen das Ablöschen der zahlreichen noch glimmenden Baumstümpfe. Als ein großes Glück muß es bezeichnet werden, daß der tagsüber so heftig wehende Wind gerade zur Zeit des Brandes aussetzt, sonst wäre wohl Sittendorf ein Raub der Flammen geworden.

Am Anbetungstag 5. Oktober 1917 wird erstmals als hiesiger Regenschori ein Herr Hornschall genannt. - Etliche Seiten danach erfährt man, daß Johann Hornschall bereits 68 Jahre alt ist, 1849 in Kaltenleutgeben geboren, das Schusterhandwerk erlernte und dann als Musiker jahrelang in der Kurkapelle in Kaltenleutgeben und sodann in Sauerbrunn tätig war und seit anfang Mai in Sittendorf als Organist und Regenschori agiert. - In den Monaten November und Dezember 1917 wird die 7. Kriegsanleihe zur Zeichnung aufgelegt.

Anfangs Februar 1918 stoßt der stiftliche Forstadjunkt von Siegenfeld anläßlich eines Pirschganges in dem einerseits von der Gaadener- und andererseits von der Sittendorfer - Heiligenkreuzerstraße begrenzten Wald auf einem im Dickicht versteckten, feldmäßig angelegten Unterstand, in dem zwei entsprungene russische Kriegsgefangene hausten, die - als sie sich ertappt sehen - sofort das Weite suchen und leider nicht eingeholt werden können. Die genauer Durchsuchung ihres wohnlich eingerichteten und mit Tür und Fenster versehenen Waldquartiers fördert viele Gegenstände zu Tage, die von den in Sittendorf und der nächsten Umgebung verübten Einbrüchen und Diebstählen herrühren. Nach der Austreibung dieser "spelunca latronum" <Räuberhöhle> hören wie mit einem Schlage die Einbrüche auf, um einige Wochen später ihre Fortsetzung zu finden. Daß es den beiden Troglodyten <Höhlenbewohner> recht gut ging, beweist der große Knochenhaufen nächst ihres Heimes._

Daß wir in einer höchst kritischen Zeit leben, bezeugen die vielen Beschlagnahmungen oder - nobler ausgedrückt - Requisitionen, von welchen nicht einmal die Kirchen verschont bleiben. Nachdem im Vorjahrs 2/3 der Kirchenglocken abgeliefert werden mußten, kommen heuer die Prospektzinnpfeifen der Kirchenorgeln an die Reihe. Bei uns erfolgt der Ausbau der betreffenden Zinnpfeifen - Prinzipal 8 Fuß - durch den Orgelbauer Josef Ullmann, Wien VIII, Lederergasse 28 "Mölkerhof". Die Metallausbeute der eingezogenen 27 Pfeifen beträgt 18 kg 70 dkg; vergütet wurden sie vom k. u. k. Kriegsministerium mit nur 15 Kronen pro kg! - Im Handel kostet 1 kg Zinn 80-100 Kronen. Anfänglich sollten nur die Prospektpfeifen der Orgeln mit mehr als 8 Registern_ der Beschlagnahme verfallen, später aber wird die Inanspruchnahme auf alle Orgeln ohne Unterschied der Registerzahl ausgedehnt; nur jene Werke, die einen besonderen kunsthistorischen oder musikalisch künstlerischen Wert besitzen, werden geschont. Aus diesem Grunde bleiben die beiden Orgeln in Heiligenkreuz völlig intakt. Bei uns erfolgt der Ausbau am 5. A